Bis jemand, hoch soll er leben, die Idee hatte, es gebe doch noch jenes wundervolle Werk- raumtheater, parbleu, zwar zu klein für die prächtige Bahnhofsmisere, doch nicht zu klein für die Kunst. Nun sitzen also die redenden Stückträger nebeneinander auf sechs Stühlen und reden, wenn sie dran sind. Drei Jungs, das Ehepaar, die Singlefrau. Versinken in sich, lauschen, grübeln über die Texte der andern oder hören bloß in sich selbst, schlingen Girlanden aus Sätzen. Ein Seifenblasenspiel verrätselter Poesie, Fetzen möglicher Biografien und unmöglicher Träume. Bahnhofsgelichter, Nacht- asylanten in der Taghelle des Werkraums.

Beim Lesen des Textes hatte den Rezensenten mildes Nebelgrauen gepackt, weil er nicht recht verstand (nur ahnte, glaubte, wähnte), wovon die wilden Reden gingen in all ihrem Schmuck und Schmock. Von Gewalt und Glatzen vielleicht, vom Elend entfremdeter Familien und einsamer Damen - das wäre denkbar. (Bei Marthaler würden sie nun ganz hinreißend seltsam umeinander herumrappen, ein Schubertlied erklänge, bleierner Schlaf umhüllte sie, und Anna Viebrocks Anzeigetafel würde ins Leere rattern.) Nun aber, in Jan Bosses strenger Stuhlordnung wird deutlich: Theresia Walser hat eine Sonate komponiert, eine klar konturierte Folge von Sätzen - Andante, Allegro, Scherzo, mit Variationen und Coda.

Die Knaben, von ihr "haarlos mit Kapuzenjacken" erdacht, dabei keine "Glatzen", nur alters- und geschichtslos, geben das Vorspiel und die Intermezzi mit Dialogpartien aus Brutalo- und Schnulzenserien: Blut und Kuss, zermatschtes Hirn, schlüpfrige Zunge. In Kathrin Plaths Kostümierung haben die Drei wohl ihre Haare, doch ein kondomähnliches Zwangsjackenhemd, das sich über den Kopf strammen und über die Hände zu Tentakeln verlängern lässt. Hans Löw ist der Aufgeregte, der von Liebessehnsüchten Gezwirbelte, Verwirbelte, ist dann auch Türke, Pole, Grieche, immer glühend, gläubig, innig. Marc Oliver Schulze gibt den verstört Durchgeknallten (und hat dafür eine bravouröse Stotter-, Schmatz- und-Schlürf-Arie eingeübt); Heiko Ruprecht macht den Grübelnden, der zwischendrin Sohn, Besuch, Pflegefall jenes Ehepaars ist, das zu seinen Seiten hockt und ebenfalls von Szene zu Szene in neue Geschichten schlüpft.

Oliver Naegele und Sibylle Canonica. Er im kobaltblauen Trainingsanzug, gebeutelt von Eruptionen des Hohns und des Abscheus über die Dummheit überall, ein Sitztyrann, mit Lust gegen die Zumutungen des Lebens andröhnend, ein Kotzbrocken, hinreißend ekelhaft. "Ein Fotto", verhöhnt er den Türken mit dem Traum von der fernen Frau, "ein Fotto, das ist die ideale Mischung aus Tod und Leben, mehr sollte man voneinander nicht in die Hände kriegen." Ein König Ubu der Penner, umgeben von schrägen Uhus und sonderbaren Käuzen.

Seine Frau ist längst ganz in sich selbst gekrochen; da hockt die Canonica mit ihren roten Undinehaaren in meergrünem Shirt und seeblauem Rock und denkt. Denkt in die Luft und in ihre Seele, wie nicht mehr ganz von dieser schnöden Welt. Hinter ihren quer und dreieckig gezogenen Lippen malmt eines Rätsels Lösung - so ganz versteht sie die Welt nicht mehr, dass ihr Sohn nur ein halbes Gesicht hat oder in Amerika hingerichtet wird, dass der Halbgesichtler ausgerechnet die Visage ihres Mannes gerne hätte ... Vor die Stirn schlägt sie sich, die Stimme ekelt sich - aber ach, schon fällt sie wieder in sich zurück: ist eh alles unverständlich und dumm.

Ganz zur Seite sitzt eine dralle Gesunde mit staunenden Kulleraugen, im rosa Unterrock Franziska Walser (die Schwester der Autorin), Fragen stellt sie in herzinniger Naivität: "Ich kann nicht alles gleich beantworten, leider, leider, wo ich hinschaue, Fragen." Ein Mädchen, das auf Sterntaler wartet und das Röckchen schon mal schürzt. Und die Lippen auch. Es ist ja wirklich alles so rätselhaft: "Jetzt schaue ich Sie an, als könnte ich zu Ihnen gehören, und morgen, morgen bin ich dann vielleicht schon gar nicht mehr ganz sicher, ob ich gestern einschlief oder starb." Dann "Dunkel". Stück aus. Großer Applaus, herzliches Lachen.

Ein bisschen Beckett, Yvan Goll, Gombrowicz, Tardieu, Karl Valentin, Dada und Absurdistan, ein Seiltanz, Seifenblasen ohne Schaum schlagen. Eine Sonate eben. Alain Res- nais' Letztes Jahr in Marienbad hatte den Vorspruch: "Betrachten Sie diesen Film wie eine Symphonie" (oder so ähnlich). Also zurücklegen, Klänge sehen und genießen, sich tragen lassen und sich nicht zerfurchen, sondern entfalten. Das gilt auch für Theresia Walsers Farce So wild ist es in unseren Wäldern schon lange nicht mehr (der Titel setzt den Satz fort Was wissen Sie, wie wild es in einem sein kann): Man muss sie wie Musik empfinden, von Jan Bosse glänzend dirigiert, von sechs Spielern prachtvoll instrumentiert - Musik, wenn schon nicht seltsam zu der Seele redende, doch ganz absonderlich das Hirn kitzelnde.