Peter Schamonis Film über Kaiser Wilhelm II. ist eine Sensation. Man sitzt 95 Minuten lang ungläubig staunend davor. Begriffe beleben sich mit Anschauung, historische Interpretationen füllen sich mit Fleisch und Blut.

Diese anderthalb Stunden bestehen zu annähernd neunzig Prozent aus Originalmaterial, bewegten Bildern aus der Zeit von der letzten Jahrhundertwende bis in den Zweiten Weltkrieg. Namentlich die Aufnahmen aus den Jahren vor 1914 sind weithin unbekannt. Solche filmischen Veröffentlichungen sollten Schule machen. Auch zeigt sich, dass der Kinofilm mit seinem längeren Atem und seinem großen Format ganz andere Eindrücke herzustellen vermag als die historischen Fernsehserien mit ihrem Kleinklein aus Filmschnipseln, nachgestellten Szenen und Zeugenaussagen.

Schamoni zeigt sein Material in langen Sequenzen, unterlegt es mit Originaltönen der Zeit (Marsch-, Fest- und Opernmusik), Zitaten aus Wilhelms Erinnerungsbüchern (gesprochen von Otto Sander) und dem behaglichen Erzählerbass von Mario Adorf. Einige wenige Originalstimmen, so von Wilhelms berühmter Ansprache vom August 1914 ("bis zum letzten Hauch von Mann und Ross") schaffen noch eine zusätzliche Aura von direkter Zeugenschaft. Wo die Originalschauplätze noch intakt sind, so an Wilhelms Ferienorten auf Korfu und in Norwegen, ergänzen Landschaftsbilder das authentische Material.

Woraus besteht es? Zunächst aus halb privat wirkenden Aufnahmen im neuen, zu Beginn nicht recht ernst genommenen Medium. Filmaufnahmen wurden weniger überwacht und zensiert als fotografische Porträts, die der Hof sich vorlegen ließ. Bald aber wuchs das Interesse der unterhaltungssüchtigen Hofgesellschaft am Film, und wichtige Momente des imperialen Lebens wurden eigens für die Kameraleute in Szene gesetzt. Doch bei Paraden oder Staatsbesuchen ging das "wilde" Filmen weiter. Schamonis Material trägt zum Teil offiziös-repräsentativen Charakter, teils ist es höfisch-privat, teils geradezu demokratisch-öffentlich. Wilhelm sei, so versichert der Kommentar, zum "ersten deutschen Medienstar" geworden. Das ist etwas hoch gegriffen, denn eine gemeinsame Semiotik des heterogenen Materials konnte sich noch nicht ausbilden, zumal das Publikum für derartige Aufnahmen äußerst zufällig blieb

schon seine Unbekanntheit dementiert die allzu heutige Formulierung.

Im Übrigen wäre jeder Kaiser ins Visier der neuen Technik gekommen, auch ein weniger putzsüchtiger Mensch als Wilhelm II.

Das Material besticht vielmehr eben durch seine Zufälligkeit. Hier sprudelt eine unschätzbare Quelle für die Geschichte von Zeitstimmungen und Mentalitäten. Weit über die Hälfte des Materials behandelt staatspolitisch sekundäre Vorgänge der allerhöchsten Freizeit wie Jagden und Ferienreisen oder Repräsentationsspektaktel wie Staatsbesuche, Manöver und Paraden. Eine technische Sensation ist die nachträgliche Kolorierung der Parade zur Eheschließung der einzigen Tochter des Kaisers mit einem Welfenprinzen 1913