Wenn es denn so einfach wäre! Aber auch die komplizierten Hintergründe machen den Skandal nicht geringer, sondern nur schlimmer. Gut, die Borussia Dortmund ist an der Börse notiert - als Kapitalgesellschaft. Und jede börsennotierte Kapitalgesellschaft muss Sachverhalte, die ihre wirtschaftliche Substanz und Prognose einschneidend verändern, unverzüglich anzeigen: "Veröffentlichung und Mitteilung kursbeeinflussender Tatsachen." Soweit die Rechtspflicht!

Aber bevor wir nur moralisieren, sollten wir wissen: Es gibt auch andere Rechtspflichten. Dazu zählt der Schutz des Patientengeheimnisses und die ärztliche Schweigepflicht an hervorragender Stelle. Und wenn man schon glaubt, abwägen zu müssen, hätte ja wohl der neutrale Hinweis genügen müssen: Ist auf noch unbestimmte Zeit krank. So aber wird selbst die als günstig bezeichnete Prognose (möge es hoffentlich so sein!) zu einem Instrument der Kurspflege: "Liebe Aktionäre, keine Panik! Er kommt ja wieder." Und dann steigen auch die Aktien wieder.

Widerlich! Krasser kann man nicht demonstrieren, dass der Mensch selbst in seinem Grenzschicksal, dass er selbst in der Vorkammer des Todes (aus der es ja einen Rückweg geben mag) nur als "kursbeeinflussender Faktor" zählt. In der Regel fällt das nicht so deutlich auf. Wir sagen ja auch, das wichtigste in einem Unternehmen sei das "human capital", das Human-Kapital - und kommen uns bei dieser Auskunft auch noch besonders human vor. Denn wir stellen eben nicht nur borniert auf das Geld- und Sachkapital ab, sondern stellen auf diese Weise durchaus den Menschen in den Mittelpunkt. Unserer Bilanz...

An der ökonomischen Betrachtungsweise ist ja zunächst wenig auszusetzen. Ein Unternehmen mit hochqualifizierten und sehr motivierten Mitarbeitern ist in der Tat viel mehr wert als ein Unternehmen gleicher Kapitalausstattung, aber voller unfähiger Chefs und Kollegen, die einander nur mobben. Aber wenn die ökonomische Betrachtungsweise zum Diktat wird, das eine menschliche Betrachtungsweise selbst in höchstpersönlichen Schicksalsstunden verhindert, dann ist der Schritt von der Perfektion zur Perversion bereits getan.

In Wirklichkeit ist der Mensch kein Rohstoff für die Ökonomie - sondern die Ökonomie ein Rohstoff für den Menschen.