Agnès Jaoui, 36, und Jean-Pierre Bacri, 49, sind dieser Tage das Erfolgsgespann des französischen Kinos und ein Paar von militanter Innigkeit. "Les Jabacs" nannte sie der Regisseur Alain Resnais. Für ihn schrieben sie gemeinsam die Drehbücher für Smoking - No Smoking und On connaît la Chanson (Das Leben ist ein Chanson). In ihrer Mehrfachexistenz als Drehbuch- und Theaterautoren, als Schauspieler, die zwischen Kino und Theater vagabundieren, in eigenen und fremden Stücken und neuerdings mit einer ersten Regiearbeit, verkörpern sie mehr als den erfüllten Traum vom Autorenkino. Sie sind eine Firma mit Markenprodukten, autonom, produktiv, immer an mehreren Werkbänken zugleich beschäftigt und so populär, dass sich in der Titelgeschichte einer französischen Fernsehzeitschrift ein Neurobiologe, ein Psychoanalytiker und ein Ethnologe mit dem Phänomen ihres Erfolgs auseinander setzen.

Vier Millionen Zuschauer haben in Frankreich ihren Film Le Goût des Autres gesehen,vier Millionen seit März. American Beauty und andere Hollywood-Filme verwies die Komödie ins Souterrain der Quotendiagramme. Warum das so ist? "Unser Film ist intelligent, lustig, gut geschrieben, gut gespielt", sagt Bacri, dem die Erklärungsmuster der Kritik nur ein leichtes Kräuseln der Mundwinkel entlocken. Seit einer Woche läuft der Film unter dem Titel Lust auf Anderes in den deutschen Kinos. Es ist das Debüt der Regisseurin Agnès Jaoui, Drehbuch beide, in der männlichen Hauptrolle Bacri, in einer weiblichen Hauptrolle Jaoui: Les Jabacs in Höchstkonzentration.

Künstler und Spießer werden auf Kollisionskurs geschickt

Worum geht es? Die Frage stellt sich, denn es geht den beiden um "Themen" und ihre Verhandlung innerhalb einer auf wenige Schauplätze begrenzten Dramaturgie. Ihr Kino ist ein eigenständiger Seitentrieb des Theaters. In jedem Bild soll sich etwas mitteilen, und die Personnage ist fest gezurrt im Tableau wie die Spieler beim Tischfußball. Lust auf Anderes hat sich den hundsgemeinen Lebensstil-Faschismus vorgenommen. "Die Gesellschaft ist nur dem Anschein nach durchlässig. In Wahrheit existieren genau festgelegte Codes. Der Geschmack definiert die Grenzlinien und vice versa." Was Bacri als Erkenntnisziel des Films präsentiert, stellt sich dort zunächst als klassischer Milieukonflikt dar. Künstler verachten Spießer, Spießer verachten Künstler, das ist hinlänglich bekannt. Was aber geschieht, wenn ein Schnauzbartträger sich in die Freiheitskönigin einer Theatertruppe verliebt, wenn einer "den anderen" in sich selbst entdeckt und leben lässt - das erzählen Jaoui und Bacri mit unverhohlener Sympathie für den vermeintlichen Spießer. Intelligent, lustig, gut geschrieben, gut gespielt. Aber? Nichts aber. Man muss nur Märchen mögen und das Unglückselige, das allen Jabacs-Figuren eigen ist. Das passt zusammen, doch, auch wenn es kaum zu glauben ist. Gegen Ende lichtet sich die Grimasse Bacris in der Rolle des Fabrikanten Castella, seine Augen leuchten im Dunkel des Zuschauerraums, und von der Bühne lächelt Clara (Anne Alvaro), die sich als Hedda Gabler gerade erschossen hat und endlich weiß, da unten wartet jemand auf sie.

Komödie steht drauf und lässt sich auch darin finden. Zehn vergebliche Versuche eines Franzosen, ein britisches "the" zu sprechen. Bacri macht als Clown eine angemessen traurige Figur. Derselbe als verliebter Adept, der seiner Englischlehrerin - damit verdient sich die Theatergöttin ihr Geld - ein selbst verfasstes Liebespoem aufsagt. Dabei geht Agnès Jaoui mit ihrem Protagonisten aufs Ganze. Der Mann muss bemitleidenswert und verführerisch zugleich sein - und er schafft es. Solidarität mit ihren Figuren ist eine Stärke von Jaoui und Bacri.

Das Personal in Lust auf Anderes agiert um vieles milder als dessen Verwandtschaft in früheren Filmen der beiden. Un Air de Famille, unter der Regie von Cédric Klapisch: Hysteriogramm einer desolaten Familie mit Agnès Jaoui in der Rolle der rebellischen Tochter. Resnais' Das Leben ist ein Chanson mit all den Lügen, Scheinpersönlichkeiten und zum Himmel schreienden Mesalliancen, ein tief trauriges Sittenbild urbaner Einsamkeit, mit Jaoui in der Rolle einer depressiven Langzeit-Doktorandin, die an den falschen Mann geraten ist. In Lust auf Anderes hat sie sich den Part der Kellnerin Manie geschenkt, einer Frau jenseits adretter Umgangs- und Erscheinungsformen. Wer immer ihr begegnet - sie versorgt ihn großzügig mit Haschisch und Herzenswärme.

Agnès Jaoui hat im Land der Mädchenwunder nie die Prinzessin gespielt. Auch wenn sie davon träumte, als Kind in einem Vorort nördlich von Paris. Voller Neid auf die gleichaltrige Sophie Marceau, die schon mit 13 Jahren in La Boum (Die Fete) triumphiert. Jaoui, Tochter ambitionierter 68er-Eltern, die sie auf ein Elitegymnasium schickten, fiel bei der Aufnahmeprüfung am Konservatorium gleich zweimal durch. "Aus den falschen Gründen" habe sie Schauspielerin werden wollen, sagt Jaoui, Beifall und Liebe habe sie ersehnt, nicht den Beruf. Sie blieb beharrlich und besuchte die Theaterschule von Patrice Chéreau. In dessen Truppe, am Théâtre des Amandiers, erfuhr sie Mitte der achtziger Jahre, was es bedeutet, als Schauspielerin übersehen zu werden, Randfigur einer Sekte zu sein, die sich in Anbetung um einen Meister schart. "Er arbeitet in einer Atmosphäre der Hysterie, und er ist ein grauenhafter Frauenhasser. Bon, voilà." Und Bacri springt ihr bei: "Ist übrigens sehr praktisch für einen Frauenhasser, hysterisch zu sein." Aber sie will ihre Rechnung mit Chéreau nicht mittels der Presse begleichen. Vielleicht hat sie das schon mit dem Film getan. Das Vokabular der Ignoranz beherrscht jener Künstlerzirkel um Clara jedenfalls virtuos. Darin ist er spießiger, als es der Fabrikant Castella in seiner Unbedarftheit je sein kann.