Washington

Danke der Nachfrage, Amerika geht es noch ganz gut. Wir schreiben Sonntag, den fünften Tag nach der verrücktesten Wahl in der Geschichte, und die Nation hat eine Verschnaufpause eingelegt. An diesem Wochenende werden die Kriegstoten geehrt - ein Anlass, sich daran zu erinnern, dass das Land schon Schlimmeres überstanden hat. Am Vietnamkriegs-Memorial führen Veteranen kurze Gespräche über den Tod und die Politik. "Hast du welche umgebracht?" - "Einen - mit dem Bajonett, sonst hätte er mich erwischt." Kurzes Schweigen. "Gibt es was Neues, von der Präsidentschaftswahl?" - "Nein, sind immer noch in der Verlängerung." Aus einer Bretterbude, in der Militärabzeichen verkauft werden, ertönt die Stimme eines Fernsehsprechers mit den letzten Meldungen vom Zählmarathon.

Die Einschaltquoten sind höher als damals beim Lewinsky-Skandal

Was man im Ausland als Debakel sieht, ist in Amerika zunächst ein Renner bei den Einschaltquoten. Die sind höher als beim Unfalltod von Lady Di, beim Kosovo-Krieg oder beim Lewinsky-Skandal. Gebannt beobachtet die Nation Floridas übermüdete Wahlhelfer, die wie Probanden bei einem Rorschach-Test auf Stimmzettel starren. Loch oder Delle, lautet die Frage, die sich für Al Gore und George Bush ins Schicksalhafte übersetzt: Präsident sein - oder nicht sein?

Nein, das ist noch keine Krise. Zumindest sehen das die meisten Amerikaner so und ertragen gelassen den Spott aus dem In- und Ausland: Fidel Castro empfiehlt das kubanische Wahlsystem als Alternative - garantiert keine Zweitzählung nötig. Wladimir Putin schickt seine Wahlexperten "zur Beobachtung". Kabarettisten fordern bereits eine zweite Auszählung des Bürgerkriegs.

Amerikas Urvertrauen in sich selbst ist so leicht nicht zu erschüttern. Das Wahljahr 2000 wird nicht als Glanzlicht des demokratischen Prozesses in die Geschichte eingehen, aber, schreibt der Kolumnist Bob Herbert in der New York Times, "das Land wird es überleben, egal, welcher Kandidat das Pech hat, zu gewinnen". Damit wäre man bei der eigentlich interessanten Frage: Gibt es für den Sieger viel zu feiern? Oder viel zu regieren?

Mit besorgtem Pathos haben die Kommentatoren nach den ersten Wahlanalysen ein "geteiltes Land" ausgerufen. Auf demokratischer Seite die Frauen, Schwarzen, Latinos, Städter, Kinderlosen, die gemäßigt Religiösen und Befürworter schärferer Waffengesetze; im republikanischen Lager hingegen weiße Männer, Verheiratete mit Kindern, Einwohner ländlicher Regionen, christliche Fundamentalisten und Gegner der Waffenkontrolle. "Zwei Nationen" seien da zur Wahl gegangen und hätten ein politisches Patt heraufbeschworen - nicht nur bei der Wahl des Präsidenten, sondern auch im Senat und im Repräsentantenhaus.