Wien

Das Land steht noch unter Schock. Dem Entsetzen über die schreckliche Katastrophe vom Kitzsteinhorn trägt auch die Politik Rechnung. Sogar die Lauten sind leise in den Tagen der Trauer - Atempause des Schreckens.

So mahlen die Mühlen der österreichischen Justiz denn auch ohne das übliche Getöse weiter, wenngleich beharrlich. Der einzigartige politische Kriminalfall - die Spitzelaffäre - bleibt auf der Tagesordnung. Wie geplant, hob der Wiener Landtag zu Beginn der Woche die Immunität der zwei FPÖ-Abgeordneten auf, die im Verdacht stehen, in dem aktuellen Spitzel- und Datenskandal zentrale Akteure zu sein - abgestimmt wurde jedoch ohne Debatte. Und für den am Mittwoch dieser Woche von dem zürnenden Jörg Haider nach Klagenfurt einberufenen Sonderparteitag erwartete niemand mehr das sonst übliche Spektakel. Dies sollte eine Woche ohne Eskalation sein.

Nicht dass Ernst Strasser sich davor gefürchtet hätte. Der österreichische Innenminister wäre darauf vorbereitet. Wann der Tanz mit Haider weitergeht, ist ihm egal. Heikel waren die Ermittlungen in dieser österreichischen Spielart der Watergate-Affäre von Anfang an, seit den ersten Enthüllungen des Expolizisten und Ex-Haider-Fans Josef Kleindienst: wegen der politisch-psychologischen Tragweite der Affäre (der organisierte Datenmissbrauch durch Polizeibeamte wirft die Frage nach der Verfassungstreue der Sicherheitsorgane auf) und wegen ihrer innenpolitischen Brisanz (verdächtig der Anstiftung ist nahezu die gesamte Führung des Koalitionspartners FPÖ, einschließlich Haider).

Da braucht der Innenminister und ÖVP-Mann allerhand Augenmaß und Stehvermögen, zumal er als Chef der Polizei der oberste Schirmherr auch jener Ermittler ist, denen Haider unterstellt, sie hätten einem seiner Vertrauten - seinem Leibwächter - fingierte belastende Beweise unterschoben. Klar, dass der Minister sich vor die Beamten stellt. Ebenso klar, dass Haider, dem von Kleindienst belasteten Volkstribun, dies missfällt. Dieser Schwarze ist ihm nicht schwarz genug. Ein Haider-Gehilfe drückte krasser aus, was der Meister meint: "Judas!" Ein anderer Radikaler im FPÖ-Dienst schwadronierte, er fühle sich an die Gestapo der Nazis erinnert. Die Partei, der Österreichs Kanzler Wolfgang Schüssel sein Amt verdankt, scheute keinen Unsinn, um sich als Opfer einer Art Unrechtsstaats darzustellen. Irgendwie erinnert das an die seinerzeitige Kampagne der Scientology-Sekte in amerikanischen Zeitungen gegen ihre "Verfolgung" in Deutschland.

Der Minister lobt die Polizei - und die Demonstranten

Ernst Strasser wurde in Österreich dank schlichter Beachtung der Rechtslage sowie einiger Anstandsregeln unversehens zu einer Art Lichtgestalt. Das sagt vermutlich mehr über die Zeiten aus als über den Mann. Doch jedenfalls ist Ernst Strasser, was in der Politik gelegentlich vorkommt und Lebensläufe nachhaltig prägt, in dieser Ausnahmesituation der richtige Mann zur richten Zeit am richtigen Platz. Bereits am Tag seines Amtseids war er mit der ersten Herausforderung seines Amtes konfrontiert, nämlich mit den Massendemonstrationen gegen die neue Rechtskoalition von ÖVP und FPÖ. Gemeinsam mit der Polizeiführung setzte er auf die Strategie der Deeskalation, trotz zerschlagener Schaufensterscheiben in der noblen Kärntnerstraße. Als die erste Runde ohne große Schäden für Land und Laune überstanden war, dankte der Minister in einem Rundfunkinterview der Polizei - und den Demonstranten.