Berlin brauchte gar nicht zu rufen, die Massen kamen sowieso: 1,5 Millionen zur Love-Parade, drei Millionen in den neuen Reichstag, Hunderttausende zur Millenniumsparty am Brandenburger Tor. Mit einem rekordverdächtigen Gästezuwachs von 27 Prozent stellt die neue Hauptstadt in diesem Jahr Restdeutschland weit in den Schatten und sieht ihre Rivalen jetzt zunehmend im Ausland. "Wir wollen unter den europäischen Metropolen die Nummer drei werden", verkündet Natascha Kompatzki, Sprecherin der Berlin Tourismus Marketing (BTM). "Madrid haben wir gerade überholt und liegen jetzt hinter London, Paris und Rom auf dem vierten Platz."

Für die erstaunliche touristische Karriere des einstigen "Mauerblümchens" gibt es viele Erklärungen: Der neue Hauptstadtstatus macht Menschen im In- und Ausland neugierig, die kostenlose Werbung läuft täglich in der Tagesschau und in Sendungen wie dem Bericht aus Berlin.

Im Ausland setzt die Stadt ihren Bonus als Regierungssitz selbstbewusst ein und fängt Kunden mit dem Slogan "Capital Berlin". Jeder vierte Tourist an der Spree ist Ausländer - diese Klientel ist in der Tourismusbranche ganz besonders begehrt, weil sie länger verweilt, mehr Geld ausgibt und in den Hotels klaglos höhere Preise zahlt.

Auch wenn sich das Brandenburger Tor bis ins Jahr 2002 hinein hinter Gerüsten und Planen verbirgt, auch wenn Kräne weiter die Silhouette Berlins prägen, die Phase des Baustellentourismus ist vorbei. Reichstag und Regierungsviertel, Potsdamer Platz und Friedrichstraße bieten Besuchern inzwischen jede Menge Attraktionen. Wer vor drei Jahren zuletzt an der Spree war, erkennt die Stadt heute kaum noch wieder.

Bestens ins Konzept der Berlinwerber passt das abenteuerlich-nonkonformistische Image, das die Stadt der legendären Verhüllung des Reichstags durch Christo und der jährlichen Love-Parade verdankt. Mit gezielten Aktionen im In- und Ausland will die BTM künftig verstärkt reisefreudige Schwule und Lesben zum Kommen animieren: Als Gay-Metropole ließe sich eine ausgesprochen zahlungskräftige Zielgruppe erreichen und nebenbei noch das unverhofft erworbene Markenzeichen der Progressivität untermauern. "Wir sind eine Stadt für junge Leute", erklärt Natascha Kompatzki.

Gerade richtig zur touristischen Goldgräberstimmung überflügelte die jahrzehntelang bedeutungslose Berliner Hertha letztens sogar Bayern München in der Fußballbundesliga. Da ist es zu verschmerzen, dass die Luftfahrtbranche der Hauptstadt die von Bürgermeister Eberhard Diepgen höchstpersönlich geforderten Nonstopflüge nach Übersee weiterhin beharrlich verweigert.

Dafür bietet Berlin seinen Gästen nach eigener Darstellung inzwischen "die modernste Hotellandschaft Europas". Seit dem Mauerfall 1989 hat sich die Bettenzahl auf rund 62 000 fast verdoppelt - mit einem besonders hohen Zuwachs im Vier- und Fünf-Sterne-Bereich. Im Vergleich mit allen anderen europäischen Metropolen präsentiert sich Berlin trotz des Booms konkurrenzlos billig. Komfortable Doppelzimmer in Citylage sind inklusive Frühstück schon für weniger als 200 Mark zu haben. Und sie sind leichter zu reservieren als je zuvor. Auf ihrer Internet-Homepage www.berlin-tourism.de bietet die BTM 350 Hotels in Berlin zur Online-Buchung an.