Nun steht dieses Mal, Gott sei Dank, eine Präsidentschaft auf dem Spiel, und vielleicht zieht man ja eine Lehre daraus: Lochkarten eignen sich zur Ausführung dieses teuer erkämpften Bürgerrechts nicht. Zuviele Leute stechen daneben oder nicht richtig durch. Ebenfalls ins Museum gehören die mechanischen Hebelmaschinen, eine Erfindung aus dem Jahre 1892. Bei denen wählt man wie beim Spielautomaten die Kandidaten per Hebeldruck - es sei denn, das Ding klemmt, was häufig passiert. In einigen wenigen Wahlbezirken werden noch ganz simpel Kreuze auf einem Stück Papier gemacht. Anderswo ist man erstens weiter und zweitens reicher: Wohlhabendere Gemeinden können sich Wahlcomputer leisten, bei denen die abgegebenen Stimmen direkt gespeichert werden.

Kurz und gut: Das Chaos ist strukturell und hausgemacht, und Al Gores Vorschlag, alle Wahlbezirke in Florida noch einmal per Hand auszuzählen, ist der einzig Richtige. Das würde noch einmal eine Woche dauern. Laut Umfragen hat die Mehrheit der Amerikaner dafür Geduld. Nicht so die Mannschaft des republikanischen Präsidentschaftskandidaten George W. Bush. Zu groß ist die Angst, eine Handzählung könnte den Vorsprung von derzeit 300 Stimmen zugunsten Gores schrumpfen lassen. Also klagt man dagegen vor Gericht - und hofft, dass die Judikative den Sieg für die Republikaner nach Hause schaukelt. Vielleicht geht das Kalkül auf. Aber man darf dann auf die Stimmung im Land am Tag der Amtseinführung am 20. Januar gespannt sein. So schlecht ist das Kurzzeitgedächtnis nicht, als dass Bush bis dahin den Verdacht einer gestohlenen Wahl abgeschüttelt hätte. Da hilft es auch wenig, wenn er während des Zählmarathons im Bundesstaat seines Bruders Jeb seinerseits in Texas schon den Präsidenten spielt, und seine Berater zu Kabinett-Spielen zusammenholt. "Larry wird uns was über Märkte erzählen und Condi über die Probleme in Israel", erklärt er dann der Presse, was nicht sehr präsidial klingt.

Am Wochenende, so steht zu befürchten, ist dieser Aberwitz noch nicht vorbei. Die zuständige Innenministerin des Bundesstaates Florida, die für George W. Bush Wahlkampf gemacht hat, möchte zwar am Samstag ein amtliches Endergebnis verkünden, ohne die per Hand ausgezählten Wahlkreise zu berücksichtigen. Aber dagegen werden die Demokraten bis zur höchsten Instanz, dem Obersten Gerichtshof, klagen. Und die Republikaner werden juristisch mit allen Mitteln dagegen halten.

Bis spätestens zum 18. Dezember muss Florida ein amtliches Endergebnis vorweisen, sonst wird an diesem Tag das Gremium der Wahlmänner ohne die Delegation aus dem "Sunshine-Staat" die Wahl des Präsidenten besiegeln. Unwahrscheinlich, aber vorstellbar ist, dass ein paar Wahlmänner oder -frauen ins andere Lager überlaufen. Kein Bundesgesetz verpflichtet sie, tatsächlich den Kandidaten zu wählen, für den sie eigentlich zur Abstimmung geschickt worden sind. Sollte im Wahlmännergremieum plötzlich ein Patt herrschen, dann muss laut Verfassung das Repräsentantenhaus den Präsidenten und der Senat den Vizepräsidenten wählen. Aber auch in den beiden Parlamentskammern stehen die Mehrheitsverhältnisse noch nicht fest. Das Rennen um einen Senatssitz in Oregon ist noch nicht endgültig ausgezählt, bei einigen Wahlen um Sitze im Repräsentantenhaus sind ebenfalls Nachzählungen im Gange. Im Senat könnte es am Ende 50 zu 50 stehen. Und dann? Bill Clinton hat angeboten "noch ein bisschen länger zu bleiben", zumal seine Frau demnächst arbeiten gehe. Die Option würde bei den Amerikanern gemischte Gefühle auslösen. Davon abgesehen, ist sie rechtlich nicht möglich.

Der Bundesstaat New Mexico hat für solche Fälle übrigens eine originelle Lösung im Gesetzbuch: Endet eine Wahl mit Stimmengleichheit, so fällt die Entscheidung zwischen beiden Kandidaten in einem Pokerspiel. Das ist erstens kein Witz und zweitens nicht auf Präsidentschaftswahlen übertragbar.