Wie eine gute Mutter. Das ist der Gedanke, der einem durch den Kopf schießt, wenn Andrea Klüssendorf über die Anforderungen ihres Berufs spricht: wie eine Mutter, die sich im Hintergrund hält, wo möglich; ihren Kindern hilft, wo nötig. "Ich soll einerseits unsichtbare Beobachterin sein, andererseits Verantwortung übernehmen, den Arbeitsplatz meiner Klienten aktiv gestalten." Ihr Beruf: Integrationsberaterin. Ihre Klienten sind geistig behinderte Menschen. Seit mehr als acht Jahren vermittelt die 40 Jahre alte Sonderpädagogin diese Klienten auf den ersten Arbeitsmarkt. Sie sucht für sie einen passenden Arbeitsplatz, begleitet sie zur neuen Arbeitsstelle und hilft dort bei allen anfallenden Fragen - vom Erlernen einzelner Handgriffe bis hin zur Kontaktaufnahme mit den Kollegen. In der ersten Zeit ist sie oft den ganzen Tag dabei. "Doch im Laufe der Wochen ziehe ich mich immer weiter zurück, bis ich dann irgendwann gar nicht mehr komme."

"Unterstützte Beschäftigung", supported employment, ist in vielen Ländern Europas und vor allem in den USA seit Jahren fest etabliert, in Deutschland jedoch immer noch ein relativ unbekannter Arbeitsbereich. Und ein Berufsfeld mit guten Jobaussichten für angehende Sozialarbeiter oder Sonderpädagogen.

Ein Beruf mit vielen Namen - aber ohne geregelten Zugang

Momentan gibt es etwa 180 so genannte Integrationsfachdienste in Deutschland. Doch die Nachfrage nach Mitarbeitern wird sprunghaft steigen. Denn am 1. Oktober trat eine Novellierung des Schwerbehindertengesetzes in Kraft - jedes deutsche Arbeitsamt muss nun einen derartigen Dienst einrichten. 50 000 schwer behinderte Menschen, so das ehrgeizige Ziel, sollen innerhalb der nächsten beiden Jahre mithilfe dieser Anlaufstellen ihren Platz auf dem ersten Arbeitsmarkt finden. Doch qualifizierte Integrationsberater sind Mangelware.

Eine speziell zugeschnittene Ausbildung gibt es bisher nicht für diesen Beruf. Einen Beruf, dessen Bezeichnung sogar je nach Bundesland und Fachdienst variiert, von "Integrationsberater" über "Arbeitsassistent" bis zu "Job-Coach". Andrea Klüssendorf selbst hat vor ihrem Studium eine Lehre zur Weberin gemacht und sich mit einem Fortbildungslehrgang der Bundesarbeitsgemeinschaft für Unterstützte Beschäftigung weiter qualifiziert. "Der weitaus größte Teil der Mitarbeiter verfügt über eine pädagogische Qualifikation, es handelt sich um Diplomsozialarbeiter und Sonderpädagogen", so Rainer Trost, Professor an der Fakultät für Sonderpädagogik in Reutlingen. Er betreut ein Modellprojekt des Bundesministeriums für Arbeit zur bundesweiten Evaluation von Integrationsfachdiensten.

An vielen Fachhochschulen und Universitäten geht es beim Studium der Lern- und Sonderpädagogik mittlerweile nicht mehr nur um die schulische Integration von Kindern mit Behinderungen, sondern auch um deren berufliche Aus- und Fortbildung. In Hamburg beispielsweise wurde das Institut für Behindertenpädagogik komplett neu organisiert; alte Grenzen zwischen den Fachrichtungen wie Geistigbehinderten- oder Körperbehindertenpädagogik wurden aufgehoben, um die verschiedenen Bereiche der Sozial-, Sonder- und Berufspädagogik miteinander zu vernetzen. "Was wir brauchen, ist mehr sozialpädagogische Kompetenz in den Fachdiensten", so Thomas Hofsäss, Professor für Lernbehindertenpädagogik. "Mithilfe solcher Profis können die Klienten viel ganzheitlicher betreut werden, als dies heute oft geschieht."

Studienwissen allein reicht allerdings nicht aus, vonnöten sind Leute mit praktischer Erfahrung. Integrationsberater, die sich in der Kultur eines Betriebes auskennen, über juristisches Know-how im Umgang mit Behörden verfügen.