In Sachen Umweltschutz ist die deutsche Wirtschaft vielen anderen Ländern voraus - das ist kein Geheimnis. Dennoch bleibt viel zu tun bis 2002. Dann nämlich soll die sogenannte "Rio-plus-10"-Konferenz in Südafrika stattfinden. Dort wird man sich fragen, welche Fortschritte im Umweltschutz seit der Rio-Konferenz 1992 (dem sogenannten Erdgipfel, oder der "United Nations Conference on Environment and Development" in UN-Englisch) erreicht worden sind. Deutschland steht als drittgrößte Volkswirtschaft - und damit als immer noch einer der größten Umweltverschmutzer - besonders in der Pflicht. Die auf dem Rio-Gipfel verabschiedete Agenda 21, eine Art Grundsatzprogramm für globale Entwicklungs- und Umweltpolitik im 21. Jahrhundert, hatte große Hoffnung auf einen grundlegenden Wandel in der globalen Umwelt- und Entwicklungspolitik gemacht. Inzwischen hat sich jedoch Ernüchterung breitgemacht, denn erreicht wurde bislang wenig. Besonders wegen des Anspruchs, die Umweltschützer-Nation schlechthin zu sein, will Deutschland nicht mit leeren Händen dastehen, wenn bei Rio-plus-10 gefragt wird, welche Maßnahmen denn in den einzelnen Ländern zur Verwirklichung der Agenda-Ziele unternommen worden sind. Die Kernfrage für die Konferenz wird somit sein, "ob der Schritt von der Deklaration zur Aktion gelungen ist", wie Trittin es formuliert.

Deshalb haben das Bundesumweltministerium, der BDI und das Institut für Ökologie und Unternehmensführung (INSTOEC) kürzlich den sogenannten Rio-Plus-10 Forschungs- und Dialogprozeß angestoßen. Man möchte Leitlinien für umweltbewusstere Auslandsinvestitionen entwickeln. Schließlich werfen Umweltschutzgruppen multinationalen Unternehmen schon lange vor, aus Kostengründen vor allem dort zu investieren, wo die Umweltgesetzgebung am laschesten ist. Dies wiederum, so die Argumentation, führe zu einer 'Abwärtspirale' in der Umweltgesetzgebung in Entwicklungsländern, da diese sich im Wettkampf um die Investitionen der großen Firmen im Umweltschutz gegenseitig unterbieten.

Obwohl dies von der Industrie und von vielen Ökonomen bestritten wird, ist man sich zumindest über die Bedeutung von Auslandsinvestitionen einig, wenn es um globalen Umweltschutz geht. Schließlich haben ausländische Direktinvestitionen inzwischen die Entwicklungshilfe als wichtigste Quelle des Kapitalzuflusses in Entwicklungsländer abgelöst, und bergen die Möglichkeit, z.B. durch Förderung sauberer Technologien große Umweltverbesserungen herbeizuführen - und vice versa.

Daher untersuchten verschiedene Institute die Auslandsinvestitionen deutscher Unternehmen in China, Malaysia und Indien auf ihre Nachhaltigkeit - mit durchaus positivem Resultat. So stellte z.B. die Bosch und Siemens GmbH das Produktionsverfahren ihrer Kühlschränke weltweit von ozonzerstörendem FCKW auf Kohlenwasserstoff um - und bald zogen andere Anbieter nach. Ein weiteres Beispiel ist die Firma Adtranz, die den Transfer energieeffizienter Transportsysteme nach Indien ermöglichte. Indian Railways kaufte die Technologie und lizensierte mehrere indische Unternehmen mit ihrer Produktion, und sorgte damit für die Verbreitung dieser umweltfreundlichen Technologie in Indien. Unter dem Strich, so Trittin, zeige die Untersuchung, dass Umweltschutzkosten kein Hindernis für Auslandsinvestitionen seien. Unternehmen können erheblich zur Verbreitung von umweltfreundlichen Technologien und Managementtechniken im Investitionsland beitragen.

Nach den ermutigenden Ergebnissen der Studien will man nun konkret werden. Die wichtigsten Themen: Technologietransfer, der Einsatz von Umweltmanagementsystemen und die Ökologisierung der Zuliefererkette. Davon haben nicht nur die Zielländer einen Vorteil - auch die deutschen Unternehmen selbst können von ihrem Engagement im Umweltschutz in vielerlei Hinsicht profitieren. Die Märkte für umweltschonende Güter wachsen weltweit. Wenn die deutsche Wirtschaft ihren Vorsprung in Umwelttechnologien und -managementsystemen behält, ist sie gut positioniert, um sich diese neuen Märkte zu sichern und damit auch Arbeitsplätze zu schaffen. Darüber hinaus kann innerhalb eines Unternehmens durch Umweltschutzinnovationen die betriebliche Effizienz gesteigert werden. Die Bundesdeutsche Arbeitsgemeinschaft für umweltbewußtes Management beispielsweise schätzt, daß sich 2 - 5% der Gesamtkosten in einem Unternehmen durch gezieltes Umweltmanagement einsparen lassen - das entspräche einem Plus von 40 - 100 Milliarden Mark für die deutsche Wirtschaft.

Abzuwarten bleibt, ob genügend Firmen bereit sind, sich in dem Projekt zu engagieren. Wenn weiterhin nur die 'grünsten' Unternehmen das Wagnis eingehen, könnte der erwünschte ökologische Effekt ausbleiben. Immerhin sind schon einige namhafte Firmen an dem Prozeß beteiligt, und die Resonanz auf die Konferenz war positiv. Davon erhoffen sich die Initiatoren eine Signalwirkung.

Die großen Umweltverbände jedoch bleiben skeptisch. Greenpeace und der Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland begrüßen zwar die Initiative; andererseits aber warnen sie vor einem 'greenwash' (vom Englischen to whitewash, etwa: sich selbst einen Persilschein ausstellen) für die deutsche Industrie. "Wir sind in dieser Hinsicht ein gebranntes Kind", meint Kristina Steenbock von Greenpeace.