Der Tag dürfte ein Höhepunkt in Craig Venters Laufbahn gewesen sein: Seite an Seite mit dem amerikanischen Präsidenten stand der Genjäger am 26. Juni im Weißen Haus und verkündete, das menschliche Erbgut sei nunmehr entziffert. "Jetzt kennen wir die Sprache, in der Gott das Leben schuf", sprach Bill Clinton in die Fernsehkameras, Zeitungen in aller Welt sahen Leiden wie Krebs und Alzheimer fast schon geheilt, und Venter, lange Zeit als halbseiden geschmäht, verbuchte einen kräftigen Imagegewinn.

Nur reich ist er an diesem Tag nicht geworden. Im Gegenteil: Noch hatte der Forscher das Weiße Haus nicht verlassen, da rauschte der Aktienkurs seiner Firma Celera Genomics bereits um 13 Prozent in die Tiefe. Offenbar hatten Spekulanten nur auf den Festakt gewartet, um ihre Celera-Beteiligungen mit Profit abzustoßen. Ob das junge Unternehmen mit seiner seltsamen Ware Bioinformation jemals Gewinn machen würde - wer sollte das schon wissen?

Die Biotechnologie-Branche stellt auch Fachleute vor Rätsel

Rückschläge dieser Art war Venter, wie auch andere Manager von Biotechnologiefirmen, längst gewohnt. Mitte März hatte sich der Kurs von Celera schon einmal fast halbiert - nachdem US-Präsident Clinton und der britische Premier Tony Blair erklärt hatten, die Rohdaten des menschlichen Erbguts müssten für jedermann frei zugänglich bleiben. Geradezu hysterisch hatten Anleger daraufhin alle Hoffnung auf Gengewinne fahren lassen, der Nasdaq-Bio-Tech-Index sank auf einen Schlag um 12,5 Prozent. Betroffen waren praktisch alle Unternehmen, die die verräterischen Silben "Bio" oder "Gen" im Namen führten - ob ihre Geschäfte nun von Genpatenten abhingen oder nicht. Auch deutsche Unternehmen wie Qiagen oder Cybio wurden mitgerissen. Erst nach Monaten hatten sich die Kurse erholt.

Episoden wie diese sind nur Momentaufnahmen der unvorhersagbaren Achterbahnfahrt der Biotechnologiewerte. Sie zeigen, wie sehr gerade diese Branche Investoren vor Rätsel stellt - und zwar nicht nur Kleinanleger, sondern auch professionelle Analysten. Diese hoch bezahlten Spezialisten - erfahrene Analysten verdienen mindestens 250 000 Mark im Jahr - geraten allzu oft ins Schwimmen, wenn es um Gene, Antikörper oder die Blockade bestimmter Rezeptormoleküle geht. "Die meisten Betreuer von Bio-Tech-Fonds sind Finanzanalysten, die mehr schlecht als recht versucht haben, sich naturwissenschaftliches Know-how anzueignen", lästert der Sprecher einer Bio-Tech-Firma, "die können gar nicht infrage stellen, was wir ihnen erzählen."

Diesen Mangel hat inzwischen auch der zuständige Berufsverband erkannt: Seit Oktober bietet die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Anlageberatung (DVFA) erstmals einen Ausbildungsgang zum "Fachanalysten Biotechnologie" an. "Der Markt braucht Analysten, die sowohl die entsprechenden Fachkenntnisse mitbringen als auch die Grundlagen des Investmentbanking", sagt Otto Loistl, Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien, der den Lehrgang konzipiert hat.

Das Ausbildungsangebot der DVFA richtet sich sowohl an Wirtschaftswissenschaftler, die Nachhilfe in Sachen Biotechnologie nehmen möchten, als auch an Biologen, Mediziner, Chemiker, ja sogar Fachjournalisten, die sich in die Analyse von Quartalsberichten und Businessplänen einweihen lassen wollen. Auf dem Lehrplan stehen folglich neben "Grundzügen der Rechnungslegung" und "Kennzahlenanalyse" auch "Entwicklung von In-vitro-Diagnostika" und "Pflanzenbiotechnologie". Die Ausbildung gliedert sich in acht Seminarblöcke von je einem Wochenende Dauer, zu Beginn steht ein Auffrischungskurs in Biologie und Biochemie. Bereits Bekanntes dürfen die Absolventen auslassen, wenn sie denn am Ende die zweitägige Abschlussklausur bestehen.