Von der Revolution in der Medizin, den kommenden Umwälzungen im Gesundheitssystem ist allenthalben die Rede. Die Genforscher versprechen scharfsichtige Diagnosen, die Biotechnologen stellen bessere Medikamente in Aussicht, Ingenieure und Ärzte feilen an neuer Operationstechnik - und hoffen gar auf vollautomatische Herzoperationen durch rechnergesteuerte Roboter. "Besser, billiger, schneller" lautet die schöne Hoffnung der Fortschrittspropheten, die den überteuerten Gesundheitssystemen durch Biowissenschaft, Informationstechnologie und Ingenieurkunst Beine zu machen suchen. Vor unbezahlbaren Belastungen für die Kunden im Medizinsystem warnen dagegen die Kritiker. Wer Recht behalten wird, ist derzeit wohl von niemandem vorherzusagen. Sicher ist dagegen: Der Markt Gesundheit verändert sich, und mit ihm verändern sich auch die Berufsfelder. Bioethiker spielen eine immer wichtigere Rolle bei kniffligen Entscheidungen im medizinischen Alltag. Der Konkurrenzkampf der Kliniken erzwingt eine Neuorientierung: Patienten werden zum knappen Gut für Kliniken und Arztpraxen. Für deren Klientel werden die Zeiten vielleicht nicht billiger, aber trotzdem besser: Aus den Patienten werden umworbene Kunden, wie das Beispiel des Unfallkrankenhauses Berlin zeigt.

Und noch etwas wird die Patienten künftig zu einer Klientel heranwachsen lassen, der die Akteure in der Gesundheitsversorgung mit mehr Achtung zu begegnen haben: Das Internet ermöglicht ihnen zum ersten Mal einen genauen Einblick in die bislang verschlossene Welt des medizinischen Fachwissens. Der aufgeklärte, informierte Patient kommt, und die Mediziner werden sich darauf einrichten müssen. Im Netz entstehen Dutzende Gesundheitsportale, die interessierten Laien, chronisch oder akut Kranken, aber auch den Ärzten selbst Informationen, Rat und - wer weiß - bald auch Therapie bieten (Seite 43). Schon jetzt können Krebskranke auf den Internet-Seiten des amerikanischen National Cancer Institute Einblick in sämtliche klinischen Tests mit neuartigen Behandlungsmethoden nehmen. Zur Not kann man sich sogar online als Proband melden. Wer heute mit seinem Hausarzt über die Fortschritte bei neuesten Therapien sprechen will, wird hingegen meist enttäuscht. Für die Ärzteschaft heißt das: Mehr Fortbildung tut Not, will sie auch künftig ihre Klientel zufrieden stellen. Fazit: Das Internet demokratisiert das Gesundheitssystem. Das ist seine Chance, sich zur bedarfsorientierten Dienstleistungsbranche zu entwickeln.