Ist der Arzt krank, geht er zum Kollegen. Braucht der Friseur einen Haarschnitt, besucht er die Konkurrenz. Geht der Ethiker zum Ethiker, wenn er moralischen Rat braucht? Daniel Wikler, Bioethiker bei der Welthandelsorganisation in Genf, findet "schon den Gedanken daran amüsant".

Ethiker sind Menschen, die in einem moralischen Zwiespalt nicht nur den Bauch, sondern obendrein eine umfängliche Theoriepalette konsultieren. Dieses Wissen kann in Grundsatzdiskussionen nützlich sein wie beim Klonen oder bei der Sterbehilfe. In der Öffentlichkeit gelten Argumente von Bioethikern als fundiert, und daher werden sie einladen, im Fernsehen zu sprechen oder Gutachten zu schreiben, wenn die Frage lautet: "Ist das gut oder schlecht?"

Doch wie brauchbar ist dieses abstrakte Wissen außerhalb akademischer Zirkel und Diskussionsrunden? Dort, wo Menschen nicht theoretische Größen sind, sondern in Klinikbetten liegen, eingeflochten im Interessennetz zwischen Krankenhaus, Ärzten und Angehörigen?

Wikler erinnert sich an einen Fall in der Klinik der Universität Wisconsin. Eine Patientin mit einer Nierenkrankheit hatte nichts mehr von sich hören lassen. Ohne weitere Dialysen würde sie nicht überleben. "Das Ethikkomitee diskutierte lang und breit, ob die Frau ein Recht hatte, auf die Behandlung zu verzichten", erzählt Wikler. Schließlich fragte er in die Runde: "Weshalb reden wir nicht mit der Frau persönlich?"

Als Klinikangestellte die Frau zu Hause besuchten, war die Patientin schon benommen, der Wohnungsbesuch war lebensrettend. "Brauche ich einen Doktortitel in Moralphilosophie", fragt Wikler, "um diese brillante Frage zu stellen?" Das Resümee seiner Tätigkeit als klinischer Ethiker: "Je mehr ich in einem Ethikkomitee als Philosoph sprach, desto nutzloser war mein Beitrag."

Wie ist das möglich? Ein Automechaniker ist umso nützlicher, je mehr er sich wie ein Automechaniker verhält. Beim Bioethiker beginnt die Schwierigkeit damit, dass sein Beruf keine offizielle Definition kennt. Bioethiker kann sich nennen, wer einen vierwöchigen Crashkurs besucht oder jahrelang an der Universität studiert hat. Es gibt keine anerkannten Richtlinien, die festlegen, was ein Bioethiker können muss, um ein guter Bioethiker zu sein. "So ein Standard würde implizieren, dass ein Bioethiker besser über moralische Probleme nachdenken kann als der Laie - und das ist umstritten", sagt Elisa Gordon, Anthropologin von der Loyola-Universität in Chicago. Gordon hat sich die Bioethiker selbst zum Forschungsobjekt gemacht und plant eine Studie zum Thema: "Wer ist eigentlich der Bioethiker?"

Bekannt ist, dass Bioethiker ein buntes Volk darstellen. An den Universitäten arbeiten Philosophen, die sich Ethiker oder Moralphilosoph nennen, als Bioethiker. Im klinischen Ethikkomitee sitzen Laien, medizinisches Personal oder Philosophen. Die Projekte des Theoretikers und Praktikers sind nicht dieselben. Der Theoretiker benutzt für seine Argumente oft hypothetische Beispiele. Diese haben mit einem wissenschaftlichen Experiment einen Aspekt gemeinsam: Es herrschen kontrollierte Bedingungen. Lästige Nebeneffekte des Lebens werden ausgeblendet, um den Verlauf des Argumentes nicht zu stören. Eines der bekanntesten Gedankenexperimente stammt von der US-Bioethikerin Judith Jarvis Thomson: Man stelle sich vor, festgebunden in einem fremden Bett aufzuwachen. Neben einem liegt ein berühmter, bewusstloser Violinist, der an einem Nierenversagen leidet. Um sein Leben zu retten, haben seine Fans seinen Blutkreislauf mit Schläuchen an den eigenen gekoppelt. Das Ganze würde nur neun Monate dauern, versichern die Fans. Thomson benutzt das Beispiel, um für die Abtreibung zu argumentieren. Jeder Mensch habe in dieser Situation das Recht, die Schläuche zu trennen und den Geiger sterben zu lassen.