In den USA ist der Mann mit dem weißen Rauschebart und den molligen Hüften ein Star. Andrew Weil war in jeder wichtigen Talkshow zu Gast, seine Bücher erreichen Millionenauflagen. Den Erfolg verdankt der Arzt der Idee, ins Internet zu gehen: Seit vier Jahren berät er online in Gesundheitsfragen.

Mehr als zwei Drittel der US-Ärzte berichten, dass ihre Patienten mit Informationen aus dem Internet ins Sprechzimmer kommen. So genannte Gesundheitsportale bieten im Netz immer ausgeklügeltere Dienste an. Bei America's Doctor kann der Hilfesuchende mit einem angeblichen Arzt chatten. Cancerfacts hat sich auf Krebs spezialisiert. Wer Krankheitsdaten wie Biopsieergebnisse und Laborwerte eingibt, bekommt individuelle Therapievorschläge.

Im Vergleich zu den USA steckt der deutsche Markt für die Internet-Docs in den Kinderschuhen. Immerhin ist in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe von Portalen mit Namen wie Netdoktor, DrHealthy, Almeda, Gesundheitscout24 oder Lifeline ans Netz gegangen. Zwar geben die Deutschen jede zehnte Mark für ihre Gesundheit aus, doch bisher bekommen die Web-Dienste erst die Krümel vom Kuchen ab. Das wird nicht so bleiben, der Markt boomt.

Neben allerlei Tipps zur Arztsuche fordern die meisten Portale dazu auf, ihre Experten zu konsultieren, per E-Mail, versteht sich. "Wir machen aber keine Beratung, sondern liefern nur zusätzliche Infos", unterstreicht Wolfgang Nagel, medizinischer Geschäftsführer bei Gesundheitscout24. Die Berufsordnung der Ärzte verbietet den Cyberdocs Diagnose und Therapie, ohne den Patienten gesehen zu haben. Wer einen persönlichen ärztlichen Rat sucht, wird daher enttäuscht. "Natürlich antworten wir auf Fragen", berichtet Ralf Fischbach, Internist und Vorstand von Qualimed. Doch schreibe man immer dazu: "Bitte gehen Sie zum Arzt". Dass die Grenze zur Beratung fließend ist, gibt auch Fischbach zu. "Das Horrorszenario wäre: Der Patient schickt per Mail seine Beschwerden, drei Tage später bekommt er ein Päckchen mit Pillen."

Klientel für die Portale ist reichlich vorhanden. Nach einer Studie der Heidelberger Forschungsgruppe für Cybermedizin leiden 81 Prozent der im Netz Ratsuchenden an chronischen Erkrankungen.

Nicht alle Informationen im Netz sind seriös

Wenn die Besucher von Gesundheitsportalen in der Sprechstunde plötzlich fachlich mitredeten, könne sich das Verhältnis zum Arzt umkrempeln, sagt Günther Eysenbach, Arzt und Cybermediziner an der Universität Heidelberg. Da niemand mehr in allen Gebieten die Forschung verfolgen könne, wüssten manche Patienten bald mehr über ihre Krankheit als ihr Arzt. Für Mediziner eine ungewohnte Position.