Sie gelten als Spitzenverdiener unter Deutschlands Medizinern, manche lassen in ihren Labors bis zu 50 000 Blut, Harn- und Gewebeproben pro Tag untersuchen und machen damit Jahresumsätze in dreistelliger Millionenhöhe. Wer Laborarzt wird und sich geschickt anstellt, so schien es noch bis vor wenigen Jahren, hat ausgesorgt.

Das gilt nicht mehr. "Die Zeiten, in denen in unserem Fachgebiet zum Teil viel Geld verdient wurde, sind vorbei", sagt der Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Laborärzte, Hans Rodt. Spätestens seit der Laborreform vom Juli 1999 spürt die Branche Gegenwind. Denn seither werden niedergelassene Ärzte, die wenig an Labormediziner überweisen und so ihr Laborbudget einhalten, mit einem Bonus belohnt. Als wäre Deutschland plötzlich gesundet, sank der Umsatz der Laborärzte daraufhin um 40 Prozent. Jetzt kämpfen etliche Laborarztpraxen ums Überleben.

Die jüngste Reform ist jedoch nicht der einzige Grund für die Krisenstimmung in der Labormedizin: Prozesse wegen Abrechnungsbetrugs in Millionenhöhe wie jener um den Augsburger Laborarzt Bernd Schottdorf haben das Image des Metiers beschädigt - auch wenn der "Bill Gates der Laborärzte" kürzlich freigesprochen wurde. Strukturfehler der Politik und ein Vergütungssystem, das Missbrauch geradezu Vorschub leistet, treiben kleinere Laborpraxen in den Ruin und haben die laborärztliche Tätigkeit zu einer anonymen Datenerhebungsmaschinerie verkommen lassen.

Eines der Hauptdefizite sieht der Bochumer Labormediziner Michael Krieg in dem "ungehemmten Verdrängungswettbewerb" zwischen einzelnen Laborpraxen. Die Folge: Weniger als zehn bundesweit agierende Megalaboratorien haben das Geschäft weitgehend unter sich aufgeteilt.

"Dafür kriegt man heute nicht mal mehr einen Kaugummi"

Durch eine Automatisierung ihrer Analysen konnten diese Großlabors niedergelassenen Ärzten Leistungen zu Dumpingpreisen anbieten: Für eine Blutzuckerbestimmung musste der Internist oder der Allgemeinarzt, der die Probe einschickte, dem Labormediziner weniger als 20 Pfennig bezahlen. Der behandelnde Arzt bekam dafür von der Kasse trotzdem mehr als zwei Mark - für ihn ein Gewinn.

Von solchen Billiganalysen könnten die Laborärzte nicht leben. Sie sind auf so genannte Koppelgeschäfte mit niedergelassenen Ärzten angewiesen: Im Gegenzug für die billigen Routinetests überweist der kooperierende Gynäkologe, Urologe oder Internist seine Patienten für bestimmte Spezialuntersuchungen an "seinen" Labormediziner. Beispiele für solche überwiesenen Untersuchungen sind Tests auf Tumormarker im Blut oder Hormonbestimmungen bei Frauen, die ungewollt kinderlos bleiben. Zwar dürfen diese Analysen nur vorgenommen werden, wenn dafür wichtige gesundheitliche Gründe vorliegen. Die "finanzielle Indikation", sagte der Reutlinger Laborarzt Rudolf Seuffer gegenüber dem Magazin Focus, sei aber mindestens so verbreitet wie die medizinische.