Ob Informatiker, Biotechnologen oder Betriebswirte - die deutsche Wirtschaft bangt um ihren Nachwuchs. Hauptgrund für die Besorgnis der Firmen ist der drastische Rückgang der Studienanfänger in Fächern wie Physik, Chemie oder Elektrotechnik. Besonders dramatisch sei die Lage in der IT-Branche, berichtet der Darmstädter Informatikprofessor Ralf Steinmetz: "Ich bekomme Anrufe von Firmen, die mir 10 000 Mark für die Vermittlung eines Absolventen bieten."

Und Besserung ist nicht in Sicht - auch in nächster Zukunft dürften die Absolventenzahlen nicht steigen. Zwar haben Universitäten und Wissenschaftsministerien den Nachwuchsmangel erkannt und verschiedene Aktionspläne erstellt. Doch die greifen vielfach zu spät, wie ein Beispiel aus Baden-Württemberg zeigt. Dort beschloss die Landesregierung ein Sonderprogramm zur Einrichtung neuer Informatikprofessuren an den Hochschulen. Doch vorerst gibt es die Lehrstühle nur auf dem Papier. Erst 2004, so hieß es, habe der Wissenschaftsminister wieder Geld für die geplanten Stellen.

Mit den chronischen Finanznöten seines Ministeriums gedachte sich Ulrich Klauck nicht abzufinden. Der Prorektor der Fachhochschule Aalen wollte schon vor einem Jahr einen Informatikstudiengang einrichten, und beschloss, das Geld selbst zu besorgen. "Wir brauchen die Stellen jetzt", sagt Klauck, "oder wir können es gleich sein lassen." Klauck ging in der Wirtschaft auf Sponsorensuche. Mit Erfolg: Schon jetzt kann die FH Aalen vier neue Informatikprofessuren ausschreiben. Die Kosten für zwei der Dozenten werden drei Jahre lang von den IT-Unternehmen Agilent Technologies, IBM und zwei weiteren Firmen mit rund 840 000 Mark finanziert. "Die FH kosten die Professoren in dieser Zeit keinen Pfennig", sagt Klauck.

Die Initiative der FH Aalen ist kein Einzelfall mehr. Rund 160 privat finanzierte Lehrstühle gibt es bundesweit - Tendenz steigend. "Ich bin überrascht, wie stark die Anfragen von Firmen, die eine Stiftungsprofessur ins Leben rufen wollen, in jüngster Zeit zugenommen haben", sagt Heide Radlanski, Referentin des Stifterverbandes der Deutschen Wissenschaft in Essen. Unter den Finanziers der 130 in Essen registrierten Professuren finden sich vor allem Unternehmen der Finanzwirtschaft, der Technologiebranche und der Pharmaindustrie wie Siemens, Daimler-Chysler, IBM, die Deutsche Bank und Schering.

Die Liaison mit dem Kommerz ist prestigeträchtig

Dass die Unternehmen der deutschen Hochschullehre neuerdings unter die Arme greifen, hat allerdings selten rein uneigennützige Motive. Der Ansporn der Firmen sei die Aussicht auf geeigneten Nachwuchs, meint Radlanski. Zudem wollen die Firmen durch "ihre" Professoren die Kooperation mit der akademischen Forschung verstärken.

Auch die Akademiker haben alte Aversionen gegenüber der Wirtschaft inzwischen überwunden - viele Hochschulen sind für die Annäherungsversuche der Unternehmen durchaus offen. Noch vor wenigen Jahren gab es gegen die Verquickung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft etliche Vorbehalte. Lehrstuhlinhaber und Studierende fürchteten um die Freiheit der Forschung und wollten sich nicht dem Einfluss der Industrie aussetzen. Doch die Liaison mit dem Kommerz, in den USA längst gang und gäbe, ist salonfähig geworden - nicht zuletzt durch die Geldnot in den öffentlichen Kassen.