Der Mann hat Visionen, kauft reihenweise Unternehmen, dreht das ganz große Rad. Politiker, Experten und Journalisten lobten ihn ob seiner Weitsicht und seiner Verdienste fürs Vaterland - nach acht Jahren ist er gescheitert. Seine Strategie war in der Praxis nicht aufgegangen, erhoffte Synergien blieben ungehoben, das Management war mit der Integration überfordert. Der Aktienkurs sank. Der Visionär wurde zum "Loser". Alle fielen von ihm ab. Jene, die er gefördert hatte, und jene, die ihn bejubelt hatten. Er war sich bis zu seinem Abgang sicher, die richtigen Weichen gestellt zu haben, sein Aufsichtsrat nicht. Verbittert ging er in den Ruhestand.

Der Manager hieß Edzard Reuter. Sein Nachfolger heißt Jürgen Schrempp. Seit nunmehr fünf Jahren steht er an der Spitze des traditionsreichsten Automobilherstellers der Welt. Bis vor kurzem wurde er mit Lob überschüttet - gerade ist das vierte Buch über seinen Chrysler-Coup erschienen -, doch jetzt häufen sich die kritischen Stimmen.

Dabei war der pragmatische Dynamiker aus dem badischen Freiburg im Jahr 1995 angetreten, alles anders, alles besser zu machen als Reuter, der nachdenkliche Intellektuelle und Sohn des Berliner Bürgermeisters. Als Erstes ließ Schrempp Reuters Vision vom "integrierten Technologiekonzern" ad acta legen. Das passte in die Zeit. Die Managementgurus nahmen damals Abschied von ihrem Ideal des diversifizierten Unternehmens. Stattdessen wurde die "Konzentration auf die Kernkompetenzen" als Nonplusultra propagiert. Schrempp gerierte sich sogleich als großer Sanierer. Sein Ansatz überzeugte: Rückbesinnung auf das, was Daimler-Benz am besten kann - Autos bauen.

In seinem gerade vorgestellten Buch Die Stunde des Strategen - Jürgen Schrempp und der DaimlerChrysler-Deal hat der ehemalige Finanzjournalist David Waller nachgerechnet, wie viel an Unternehmenswert in der Reuter-Ära verloren ging: Während sich der Umsatz nicht zuletzt durch die Käufe von MTU, Dornier, MBB, Fokker, AEG und Cap Gemini von 50 auf 120 Milliarden Mark mehr als verdoppelte, halbierte sich der Wert des Unternehmens am Aktienmarkt von 68 auf 34 Milliarden Mark. Waller, dem "Zugang zu bisher verschlossenen Archiven des Konzerns" und "intensive Gespräche mit Jürgen Schrempp" gewährt wurden, hat dazuaddiert, was in dieser Zeit für Neuerwerbungen draufging. Sein Fazit: "Grob gerechnet (wurden) etwa 100 Milliarden DM an Kapital vernichtet."

Doch wie sieht die Bilanz von Jürgen Schrempp nach fünf Jahren aus? Der neue Herr in der Daimler-Zentrale in Stuttgart-Möhringen machte von Anfang an klar, dass er den Wert des Unternehmens, denShareholder-Value, wieder in den Vordergrund stellen werde. Er hat die Erwerbungen der Reuter-Ära nahezu komplett wieder verkauft, liquidiert, in die Pleite gehen lassen (Fokker) oder wie jüngst die Luft- und Raumfahrttochter Dasa (jetzt EADS) in neue Unternehmen eingebracht.

Der Bereinigungkurs wurde anfangs auch von der Börse honoriert. Die Marke Mercedes strahlte schon bald wieder in neuem Glanz. Dafür ist Schrempp freilich dem später von ihm rausgedrängten Mercedes-Chef Helmut Werner zu Dank verpflichtet.

"Hochzeit im Himmel" und hoch gesteckte Ziele