Am 10. Dezember 1999, gegen Mittag, verlässt Birgit Pfahls ihr privates Idyll über dem Vierwaldstätter See und bricht auf zu einer öffentlichen Demütigung. Mit dem Auto fährt sie Richtung Gebirge, von den Gipfeln schimmert erstes Winterweiá. Die Fahrt dauert wenige Minuten und endet im nahen Stans, einem Touristenflecken im Talgrund. Frau Pfahls schlendert, scheinbar ziellos, durch den Ortskern und betritt, scheinbar zufällig, die Telefonzelle am Länderpark, einem kleinen Einkaufszentrum. Hier setzt sie, um 13.02 Uhr, zu einem merkwürdigen Telefonstakkato an. Achtmal spricht sie, fünfmal nur sekundenlang. Im Wechsel wählt sie zwei Schweizer Anschlüsse an, einen im Festnetz, einen mobilen. Dann fährt sie nach Hause und benutzt dort weder ihren Privatanschluss noch ihr Mobiltelefon.

Den kleinen Ausflug beobachten, aus der Deckung, zwei Schweizer Zielfahnder, ihrerseits beobachtet von zwei deutschen Kollegen. Die Hinterlassenschaft dieses bizarren Gruppenrendezvous ist ein kleiner Stapel amtlichen Papiers. Danach hat Birgit Pfahls, wissend, dass sie observiert wird, alle Regeln der Konspiration perfekt befolgt. Sie benutzt ein schwer abhörbares "Publi Phone Comet Swisscom" und behindert die Lokalisierung ihres Gesprächspartners durch Blitzanrufe. Denn sie telefoniert mit einem Menschen, der ihr nah und ganz in ihrer Nähe ist. Am anderen Ende meldet sich ihr Gatte, Deutschlands meistgesuchter Flüchtling, eine Schlüsselfigur in der großen Finanzaffäre von CDU und CSU: Holger Pfahls.

Birgit Pfahls wird später berichten, sie sei Opfer einer Täuschung geworden. Ihr Mann habe ihr - vor Monaten in Taiwan im Krankenhaus liegend - vorgegaukelt, er wolle sich den deutschen Behörden stellen. Es sei Zeit, sich des Vorwurfs der Bestechlichkeit und der Steuerhinterziehung zu erwehren. Stattdessen sei Holger, ohne Lebenszeichen, ins Nichts abgetaucht. Von ihrer groáen Liebe enttäuscht, frage sie sich: "Wie werde ich diesen Namen wieder los?" Ohne Holger könne sie sich nicht scheiden lassen. Die rührende Geschichte erzählt sie dem Tagesspiegel. Eine Mär vom verlorenen Gatten, einem Falschspieler, der sich in Ländern herumtreibt, die nach Deutschland nicht ausliefern.

Tatsächlich ist Ludwig-Holger Pfahls in der Schweiz und bereitet in innigem Kontakt mit seiner Frau den Umzug des Hausstands aus Deutschland vor. Er ist in der Schweiz just in jenen Dezemberwochen, in denen eine aufgeregte deutsche Öffentlichkeit erfährt, wie die CDU auf einem Schweizer Parkplatz eine Million Mark schwarz und in bar erhielt; in denen jedermann wissen will, was Helmut Kohls damaliger Rüstungsstaatssekretär Pfahls damit zu tun hat: ob er nur persönlich - wie es im Haftbefehl steht - Millionen für industriefreundliches Regieren erhielt oder ob, obendrauf, die frisch entdeckte Millionenspende zum Dankeslohn einer ganzen Regierungspartei zählte. Pfahls will keine Antworten geben. Er kümmert sich darum, wie er seine verborgenen Beweisstücke zur Finanzaffäre aus Deutschland bekommen kann und außerdem seine Möbel. Bei einer Spedition mietet er drei Kubikmeter Ladevolumen an.

Keine seiner Vorbereitungen entgeht den Zielfahndern. Am 14. Dezember 1999, vier Tage nach der Telefonaktion von Stans, weist das Zollkriminalamt Köln alle Kollegen per Fax an, den Pfahls-Laster zu stoppen, spätestens an der Schweizer Grenze. Auf dem Schreiben steht unten, fett, die Warnung: "Person Pfahls ist vermutlich bewaffnet. Eigensicherung beachten." Ein unnötiger Hinweis. Der Laster wird nicht gefunden, jedenfalls nicht angehalten; und Pfahls, in der Schweiz von Ermittlern pausenlos beschattet, wird nicht festgenommen. Ein Fahndungsdebakel, das die Schlagzeilen bis heute nicht erreicht hat.

Und es hat noch mehr gute Möglichkeiten gegeben, Pfahls festzunehmen. Mal steht ein Ermittler an seinem Krankenlager in Taiwans Hauptstadt Taipei. Mal wird er in London geortet, als er, aus dem Flugzeug steigend, per Handy die Familie informiert. Mal können Ermittler sogar die drei Häuser benennen, zwischen denen sich Pfahls, diesmal auf Bali, bewegt. Die Fahnder kennen mindestens eine der fremden Kreditkarten, die Pfahls benutzen darf (Nummer 5404 4321 2719 8030) und könnten eine Stunde nach einer von ihr gebuchten Zahlung am Ort sein. Zudem sind, während der Abtauchphase seit Pfahls' asiatischem Abgang bis heute, die Fluchthelfer bekannt.

Dass Pfahls immer wieder entkommt, mag, wer will, für Zufall halten. Oder für eine Verkettung unglücklicher Umstände. Oder gleich für das Werk von Dorftrotteln in Polizeiuniform, die unglücklicherweise global zu Werke gehen. Wer aber glaubt, dass die Zahl möglicher Zufälle endlich ist, und nachforscht, wird auf mysteriöse Tipps für den Flüchtigen stoßen und auf Interessen. Und feststellen, dass es wichtigen Menschen offenbar wichtig ist, dass die nur schemenhaft sichtbare Schlüsselfigur der Finanzaffäre von CDU und CSU verschwunden bleibt.