Wenn ein Alligator ein größeres Tier nicht in einem Stück verschlingen kann, verbeißt er sich in Bein oder Rippen, dreht sich dann in einer korkenzieherförmigen Bewegung um die eigene Achse und reißt so das Opfer in Stücke. Die Alligatoren-Ringkämpfer, Indianer vom Stamm der Seminolen, die sich in Florida mit den schwarz-gelben Echsen zur Schau stellen, nähern sich deshalb ihren "Gegnern" von hinten und sperren ihnen die Mäuler auf, damit sie nicht mehr zubeißen können. Kürzlich haben die Seminolen begonnen, per Anzeige Nachwuchsringer außerhalb ihres Stammes zu suchen. Die eigenen jungen Krieger haben keine Lust mehr auf den gefährlichen, schlecht bezahlten Zirkus. Sie finden leicht andere Jobs. Die Wirtschaft in Florida boomt.

An der State Road 7 in Hollywood, einem Ort in dem urbanen Monstrum, das im Süden Miamis beginnt und nördlich von Palm Beach endet, ist zu besichtigen, wie die Seminolen zu Wohlstand gekommen sind. Hollywoood Seminole Gaming heißt der beigefarbene, bald einen Kilometer lange Flachbau. "Gaming", Spielen, das steht für Bingo, Poker und Reihen über Reihen von Spielautomaten. An eine Wand des Kasinos hat Häuptling James Billie in großen Lettern das Wort Sho-na-bish anbringen lassen. Ein herzliches "Danke" den Zockern, die mit gläsernen Blicken riesige Mengen Kleingeld in seine einarmigen Banditen stopfen.

Aber auch beim Glücksspiel hat der weiße Mann - in diesem Fall der Bundesstaat Florida - es den Rothäuten noch einmal gezeigt und kassiert. Florida verlangt von seinen Einwohnern keine Einkommensteuer. 50 Millionen Touristen im Jahr finanzieren den "Sonnenscheinstaat" - unter anderem mit Übernachtungsteuern von 6,5 Prozent auf den Zimmerpreis. Mehr Steuern bringt nur noch die Florida Lottery ein.

Für moderne Wahlmaschinen - ähnlich modernen Bankomaten, bei denen man nur einen Bildschirm für die Eingabe berühren muss - wollte Florida seine Lotto-Erlöse indes nicht verwenden. Auch nicht für Schulen. Der südlichste der kontinentalen US-Staaten ist regelmäßig der letzte, wenn Schulnoten oder die Befähigung zum Studium in bundesweit einheitlichen Tests verglichen werden. Gerne gibt Florida indes Geld für neue Highways und Flughäfen aus, um noch mehr Touristen anzulocken. Und für neue Gefängnisse, um jene wegzustecken, die sich an den Touristen vergehen, was hier immer noch häufig passiert.

Die "Sonnenscheinwirtschaft" - ohne Gewerkschaften, staatliche Regulierung und Sozialabgaben - wird natürlich auch von den Rentnern angeheizt. Trotz der immensen Regenfälle im Sommer muss Wasser gespart werden. Was haben die Rentner damit zu tun? Einst waren die Everglades ein einziger sich über das gesamte Südflorida ergießender Fluss mit niedrigstem Gefälle, nur gestaut von Inseln aus Sumpfgras und Mangrovenhainen. Immer neue Siedlungen voller "Retirement Homes" haben ihm regelrecht das Wasser abgegraben.

Recht und Gesetz hielten beim rasanten Wachstum nicht mit

Von knapp 10 Millionen Einwohnern im Jahre 1980 ist die Zahl der Floridianer auf beinahe 15 Millionen angewachsen. Das machte den Staat, gemessen an der Bevölkerung, zum viertgrößten der USA (und damit nach Kalifornien, New York und Texas zum viertwichtigsten im Electoral College). Bei der Altersstruktur unterscheidet sich Florida wesentlich von den anderen Bundesstaaten: Es zählt weit mehr Rentner und weit mehr Junge (in der Serviceindustrie tätige), die mittlere Altersgruppe ist unterrepräsentiert. Die ethnische Mischung ist ebenfalls anders als in den anderen Staaten. Jeder zweite Einwohner im Großraum Miami wurde im Ausland geboren. 50 Prozent Einwanderer, die meisten aus Lateinamerika, haben Spanisch zur meistgesprochenen Sprache gemacht.