Als Michael Naumann von New York kommend in Berlin eintraf, um in der künftigen Regierung seinen Dienst zu versehen, stiess er auf ein von Föderalismus verwüstetes Land. Es war an seine Vergangenheit gekettet und seiner kulturellen Identität beraubt. Nur der Wiederaufbau des Stadtschlosses bot Aussicht auf eine schönere Zukunft. Und so erwirkte der Anwärter eine Audienz bei seinem künftigen Kanzler ...

Um das Wirken und Weben des Kulturstaatsministers Michael Naumann ranken sich geheimnisvolle Geschichten und schönste Mutmaßungen. Kein Mitglied der Bundesregierung gibt der Welt so viele Rätsel auf, keiner bietet ihr so viel Anlass zu opaken Hoffnungen und vagen Befürchtungen. Was Hans Eichel politisch will, weiß jedes Kind, nur bei Michael Naumann geht es zu wie im Märchen. Der Staatsminister gibt die Prinzessin, umlagert von Hofweisen, die sich den Kopf darüber zermartern, welche Erbse sich das Wesen diesmal in den Kopf gesetzt hat.

Für Kanzler Schröder ist Naumann eine Göttergabe. Er schützt die kulturelle Flanke der Regierung, hält die Intellektuellen bei Laune und zählt politische Erfolge sonder Zahl. Naumanns Bilanz ist eindrucksvoll. Er brachte den Architekten Peter Eisenman mit diplomatischem Geschick dazu, seinen Entwurf für das Holocaust-Mahnmal zu überarbeiten; binnen kurzem renovierte er das Stiftungsrecht, belebte den Kulturausschuss, erhöhte den Kulturetat, wehrte unbefugte Angriffe auf die Buchpreisbindung ab und half, welch Glücksfall, beim Erwerb der Sammlung Berggruen. Mit einem handgefütterten Tross trojanischer Pferde fördert er das kulturelle Prestige der Hauptstadt und wirkt zum Wohl der wiedervereinigten Nation. Kein anderer zieht kritischen Journalisten so elegant den Scheitel, kein anderer zeigt der Deutschen Welle so taktvoll das Stöckchen. Dass konservative Konsensintellektuelle, die seit Jahren einer berlinzentrierten Zustimmungskultur das Wort reden, aus Gewohnheit über Naumann herfallen, ist nichts als diskrete Heuchelei. Sie haben es sich bis heute nicht verziehen, dass der Kulturstaatsminister leider eine rot-grüne und keine hauseigene Erfindung ist.

Wenn es nicht seine Taten sind - was hält dann das Ratespiel um Naumanns Welt in Gang? Vielleicht muss man sich mit dem Gedanken anfreunden, dass die spekulativen Energien nicht von seiner Person, sondern von der windschiefen Konstruktion seines Amts entfacht werden. Die öffentlichen Rätsel, die Naumann aufgibt, bilden die Außenseite einer institutionellen Unklarheit. Diese Unklarheit besteht in der Grenzverwischung von Kulturverwaltung und Kulturpolitik, staatlicher Fürsorge und nationaler Sinnstiftung.

Wenn Naumann seine Fördermittel unters Volk bringt, wenn er den Bamberger Symphonikern die Finanzen kürzt und dem Nationalmuseum in Nürnberg dazu, wenn er die Berliner Museumsinsel zu seiner Herzensangelegenheit erklärt, dann trifft er diese Entscheidungen nicht im geistig luftleeren Raum. Vielmehr beruhen sie auf politischem Kalkül, kulturellen Weltbildern und ästhetischen Präferenzen. Dadurch wächst, beinahe unsichtbar, dem Staat eine kulturelle Definitionsmacht zu, die offen zu legen Naumann scheut wie der Teufel das Weihwasser. Denn bekanntlich ist im Grundgesetz eine kulturnationale Sinnstiftung durch den Bund nicht vorgesehen, weder eine sozial- noch eine christdemokratische (siehe Robert Leicht in der ZEIT Nr. 46/00).

Dennoch hat Naumann in seiner zeitungsöffentlichen Lektüre des Grundgesetzes den Versuch unternommen, der kulturellen Definitionsmacht des Staates eine rechtliche Basis zu verschaffen. Leider hat er dabei das wichtigste Argument gegen den kulturellen Zentralismus mit keinem Wort erwähnt: Die Siegermächte haben die Kultur nicht deshalb föderal organisiert, weil sie bundesstaatliche Einrichtungen generell ablehnten, sondern weil in Deutschland Staat und Kultur dezentriert werden sollten. Das war die Lehre aus der totalitären Gleichschaltung von Geist und Macht, aus dem barbarischen Missbrauch der kulturellen Herkunft für ideologische Zwecke. Nie mehr sollte eine Zentralmacht in die Autonomie der Kunst eingreifen; nie wieder sollte sich die Politik statt auf Recht und Gesetz auf eine vermeintlich überlegale "Identität" von Volk und Kultur berufen dürfen. Das heißt: Fortan sollte sich die politische Identität der Republik nur noch im polyphonen Widerstreit von Geist und Macht, nur noch in der Sphärenkonkurrenz von Kultur und Politik, Land und Bund bilden. Aus diesem Grund pluralisierten die Alliierten die Förderung von Kunst und Kultur und legten sie in die Hände der Länder, also dorthin, wo auch der kulturelle Reichtum Deutschlands entstanden war.

Naumann nennt dies "Verfassungsfolklore", und zwar aus einem doppelten, einem verfassungsrechtlichen und einem historischen Grund. Zum einen, sagt er, verstelle das Grundgesetz keineswegs die Aussicht auf die Bundeskultur; zum anderen habe die Wiedervereinigung auch den deutschen Selbstvorbehalt obsolet gemacht. Wer den Föderalismus als Sperrriegel gegen die deutsche Vergangenheit verstehe, sei das beklagenswerte Opfer einer alten Angst - der "Angst der Deutschen vor sich selbst".