RICHARD FORD: Da ich ein törichter Optimist bin, glaube ich, dass es bloß eine Funktionsstörung ist. Zumeist gleitet die Demokratie mit eingeschaltetem Autopiloten über einem Abgrund der Apathie dahin, wir bemerken sie gar nicht. Jetzt ist der Autopilot ausgefallen, und das Ding muss von Hand gesteuert werden.

ZEIT: Sie glauben also nicht an Korruption im großen Stil, nur an Versagen auf einer tieferen Ebene?

FORD: Wie weit geht menschlicher Irrtum, und wo beginnt Korruption? Es ist wohl die Sache der Literatur, das herauszufinden. Vielleicht irre ich mich, und es gibt doch die Kriminalgeschichte hinter dem Chaos. Diese Geschichte wäre dann ein Fall für einen Meister vom Schlage Joseph Conrads. Aber im Ernst: Was derzeit in Amerika geschieht, ist ein Weckruf für uns Wähler. Die Grundregel "One man, one vote" wird nicht überall befolgt. Dass die Wahlexperten sagen, es gäbe ein akzeptables Maß an vergessenen oder falsch ausgezählten Stimmen - das ist unakzeptabel. Jetzt sind wir wach. Das ist das Gute an der Sache.

ZEIT: In den USA werden Stimmen laut, einer der Kandidaten solle im Dienste der Sache von seiner Kandidatur zurücktreten, um als edler Schattenpräsident über der Szene zu schweben. Wäre Gore dazu in der Lage?

FORD: Er sollte es nicht tun. Bush übrigens auch nicht. Schließlich wird kein Schattenpräsident gesucht, sondern ein realer. Egal, wie es nun ausgeht, wird es eine ziemlich perfekte Teilung von Macht und Verantwortung geben - und das ist gut für Amerika. Insgesamt finde ich die derzeitige Situation geradezu tröstlich: Viele Leute haben gewählt. Und viele haben Gore gewählt. Mich hätte viel mehr beunruhigt, wenn es einen eindeutigen Wahlsieg von Bush gegeben hätte.

ZEIT: Wenn Sie Gore und Bush vergleichen - worin besteht ihre Eigenart?

FORD: Ich glaube, dass Charisma, wie es von den Medien übermittelt wird, immer eine Fälschung ist. Solange ich nicht mit diesen Typen in einem Raum gesessen habe, weiß ich nichts über sie. Sie sind Schauspieler, von den Medien in Blechbüchsen verpackt; ihre Persönlichkeiten sind irrelevant.