DIE ZEIT: Herr Professor Stern, erleben wir in Amerika derzeit eine Verfassungskrise oder doch eher die Belastungsprobe einer Demokratie, die diese nach herkömmlichem Verfahren bewältigen wird?

FRITZ STERN: Ich würde sagen, es ist keine Verfassungskrise. Ein großes Vertrauen in die Verfassung hält das Land zusammen. Ich habe den Eindruck, die jetzige Krise kommt den Leuten eher wie technisches Versagen mit etwas Schlamperei vor.

ZEIT: Wie stark ist Amerikas Selbstbewusstsein durch das Wahlfiasko erschüttert?

STERN: Das ist schwer zu beurteilen. Ich glaube, im Augenblick ist die Bevölkerung noch relativ gelassen. Wenn sich die gegenwärtige Situation lange hinzieht und noch weiter aufgeheizt wird von den beiden politischen Camps und von deren Rechtsberatern, wenn die Justiz einbezogen wird, sogar - Gott behüte - der Supreme Court, das würde dem demokratischen Gefühl widersprechen.

ZEIT: Es könnte sein, dass der nächste Präsident zwar die Mehrheit im Wahlmännerkollegium hat, aber nicht die Mehrheit der Volksstimmen. Könnte das seine Legitimität untergraben?

STERN: Das könnte seine Legitimität etwas schwächen. Aber in dem Moment, in dem der Präsident seinen Eid schwört, wird er als Präsident akzeptiert.

ZEIT: Zeigt sich im Wahlmännerkollegium, einem Überbleibsel des aristokratischen Denkens der amerikanischen Verfassungsväter ...