Der Name passt zum Bild: Pozor! Er ist riesengroß, hat ein gewaltiges Maul und wirkt ungeschlacht. Pozor ist zudem ein Hund, und das reicht aus, um schreiend wegzulaufen, wenn er auftaucht. Alle Versuche, einen guten Eindruck zu machen - beispielsweise zu sprechen, ohne das große Maul zu öffnen: "Nudn Nag, ich neiße ..." - schlagen fehl. Nur wer genau hinschaut, entdeckt seine sanfte Seite, erkennt, wie liebesbedürftig er ist und nichts sehnlicher als ein Zuhause sucht.

Die Autorin Anne Maar hat dem Zeichner Bernd Mölck-Tassel, der schon vor 10 Jahren mit Enrico und der Leopardenflieger auffiel, ihren wunderschönen Text überlassen, den dieser mit der Zeichenfeder buchstabengetreu aufmalte. Und so bilden die Textseiten - neben den ganzseitigen farbigen Bildern - eine ganz eigene ästhetische Schicht im Buch. Die Buchstaben variieren in Größe, Duktus und Richtung, kleine Skizzen durchziehen den Text und verleihen den Worten Nachdruck: Pozors Maul, im großen Bild schon beeindruckend, erscheint in den kleinen Textzeichnungen noch imposanter. So liest und sieht man sich mit Lust durch die Erzählung hindurch, bleibt mal an den kleinen Skizzen hängen oder verfolgt in den großen Farbzeichnungen die urkomischen Figuren, die vor Pozor fliehen und wie im Comic laut "Schrei", "Kreisch" und "Wimmer" ausstoßen. Der Illustrator setzt die Geschichte vom verkannten Hund in eine bewegte, perspektivisch naive Stadtlandschaft mit pastellfarbenen Mauern, eingetaucht in das blaue Licht des Südens. Durch feine Striche und Schraffuren wirken die Zeichnungen aber auch wie spröde Kaltnadelradierungen; aus diesem Gegensatz von Farbstimmungen und zeichnerischer Kühle leben die Bilder.

Pozor würde vermutlich im Tierheim enden, wenn da nicht einer käme, der ihm scheinbar furchtlos gegenübertritt, ein kleiner Steppke, kaum größer als seine Stofftiere. "Sitz!", sagt er, seine Angst verbergend, und da sitzt das Riesentier tatsächlich vor einer orangefarbenen Mauer mit Hut und Aktentasche ganz brav auf einem Stein und schaut seinen neuen Herrn mit treuen Augen an. Der kleine Knirps und der große Hund - nun beginnt die glückliche Geschichte der so ungleichen Gefährten, die Freundschaft schließen und für eine aufregende Zirkusnummer proben, bei der der Junge seinen Kopf todesmutig wie ein Raubtierdompteur in Pozors riesiges Maul legt. Der Hund gibt dabei nur ein schwaches "Grrmpf" von sich. Da liegen dann mitten im Text drei ohnmächtig gewordene Zuschauer platt auf der Erde.

Das Buch von Anne Maar und Bernd Mölck-Tassel erzählt natürlich noch von viel mehr: von zwei (hinreißend gezeichneten) Meerschweinchen, ebenfalls engagierte Mitglieder der Zirkustruppe, vom Frosch Laura, der Trompete spielt, und von einer Mutter, die wie einst Juliette Gréco rauchend im schwarzen Rollkragenpullover vor einer kahlen Wand steht. Im Schlussbild sind alle zu einem Familienbild vereint: Die Akteure sitzen auf dem Sofa, doch keiner schaut auf den "Fotografen". Alle starren auf den lächerlich kleinen Fernseher, aus dem sich zwei Sprechblasen herauswinden: "Peng, peng, gib auf, Jim!" - "Niemals!" Die Meerschweinchen umklammern sich vor Angst, aber Pozor sitzt ungerührt und mampft Chips. Er hat seinen Platz im Leben gefunden, mag die Welt im Fernsehen auch noch so hart sein!

Anne Maar/Bernd Mölck-Tassel (Ill.:) Pozor

Bajazzo Verlag, Zürich 2000; 28 S., 26,80 DM (ab 5 Jahre)

LUCHS 167 wurde ausgewählt von Amelie Fried, Hilde Elisabeth Menzel, Jens Thiele und Konrad Heidkamp. Am 16. November, 14.05 Uhr, stellt Radio Bremen 2 - Funkhaus Europa seinen Hörern das Buch vor (Redaktion: Marion Gerhard). Das Gespräch mit dem Rezensenten ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de