Eigentlich möchte man, dass sich jeder der folgenden Sätze selbst verschlingt - dann kann keiner ein Beweis dafür sein, dass Virginie Despentes und Coralie Trinh Thi die Provokation gelungen ist. Ihr Film Baise-Moi lebt nämlich einzig durch die Provokation, die er auslöst. An sich ist er nur ein totes und leeres Stück Spekulation. Aber wenn Zuschauer davor zurückzucken oder (wie in Frankreich) eine Indizierungsstelle zum Gegenschlag ausholt und das Werk in die Pornokinos verbannt - muss dann nicht etwas dran sein? Es ist nichts dran. Dieser Film bemüht sich weder um eine Handlung noch um Charaktere. Er bemüht sich nur um die Zuschauererregung. Insofern funktioniert er tatsächlich pornografisch. Eine Frau wird vergewaltigt, eine andere geschlagen, daraufhin ziehen beide wild fickend und mordend durchs Land. Sex und Gewalt: beides steht für weibliche Lebenswut und wird wahllos exekutiert. Nur die Kamera unterscheidet genau zwischen Mord- und Sexszenen. Die einen sind gestellt, die anderen nicht. Hier dringen Schwänze in Frauen ein, hier wird geleckt und geblasen in Großaufnahme. Wenn dagegen eine Kugel in einen Körper eindringt, wenn geblutet wird und gestorben, dann ist plötzlich wieder alles Trick. Diese Ungleichbehandlung hat eine bizarre Folge: Der Sex wirkt, durch seine Unmittelbarkeit, brutaler als der Tod. Nichts könnte perverser sein. Den Regisseurinnen allerdings sind solche Feinheiten gleichgültig. Hauptsache der Erregungspegel stimmt. Weil Baise-Moi aber eine so glasklare Provokationsposse ist, sackt auch der schnell ab. Je weniger Ärger er aufstachelt, desto mehr siecht der Film dahin. Bald wird er wieder so tot sein, wie er immer schon war. Merten Worthmann

Unsterblich

Hier wird gestorben werden, fünffach und freiwillig. Darum redet The Virgin Suicides keinen Moment herum. Der Film betrauert die Tode der fünf Töchter, die Mutter und Vater Lisbon ins Vorstadthaus stehen, von den ersten Minuten an, zutiefst und tragödienbewusst. Doch der Film trägt wohlweislich nicht schwarz, sondern ist ganz erfüllt von dem blonden Gegirre, von dem Schein und dem fröhlichen Glanz der fünf Mädchen, der um sie ist, solange sie noch leben. Er ist davon erfüllt, wie die Jungs der Vorstadt es sind. Sie erzählen, wie es kam, dass die fünf Schwestern ihren Leben ebenso romantisch wie unerbittlich ein Ende setzten. Schließlich haben die Jungs eine Traumzeit, eine männliche Jugend lang, mit den Augen an den unerreichbaren Engeln gehangen und Notiz von jedem Schritt genommen, den diese tun durften. Die liebenden Eltern nämlich bewachen ihre Mädchen streng, aus Angst, die Töchter an das Leben und also an eine andere Liebe sowie Risiken aller Art zu verlieren. Strenger als gut sein kann, wenn man gerade 13 oder 15 oder 17 ist. - Der erste Kinofilm von Sofia Coppola (Francis Fords Tochter) handelt von einem Alter, das man schwierig nennt. Coppola spielt mit Augenaufschlägen, peinlichen Pannen eines Jungslebens, mit Hall und Hauch und Wolken, dem Zauber des Mädchenreiches, dem Rätsel, wie es die Schwestern schaffen, immer wieder hold und renitent zugleich zu sein: sogar in Ballkleidern, die wie Nachthemden aussehen. Der Film ist ein Treue-Eid. Auf die erste Liebe und das unsterbliche Romeo-und-Julia-Gefühl. Ohne die Lisbon-Schwestern ist das Leben ohne Sonne - grünbläulich kalt wie die letzten Bilder. Birgit Galle