Der Roman Die Verärgerten des 1950 geborenen Parisers Bruno Bayen ist von der Art, dass man schon bald nach der Lektüre nicht mehr so recht weiß, ob man ihn eigentlich gelesen oder nicht vielmehr geträumt hat. Seine Figuren - leicht verwahrloste Pariser Tagträumer, narzisstische Flaneure mit einem Schuss vorsätzlicher Verrücktheit, die noch in depressivsten Anwandlungen Grazie zeigen, Dandys der Neunziger Jahre und zugleich seltsam zeitlos wirkend - umweht alle ein "Duft der Immaterialität".

"Ein Text von Robert Walser in der Verfilmung von Jean-Luc Godard, sozusagen": so charakterisiert der Residenz Verlag Bruno Bayens Buch. Mir scheint es eher - Elend des Vergleichens - ein Roman gewordener Film von Francois Truffaut mit Musik von Eric Satie und/oder Maurice Ravel. Nicht nur ist Osmer, einer der beiden Hauptprotagonisten, vernarrt in die Françoise Dorléac aus "La peau douce" (die tödlich verunglückte Schwester Catherine Deneuves) und Dauerkonsument von Ravels Boléro, sein Freund und Gegenspieler Jean kann, so empfinde ich, nur das Aussehen von Jean-Pierre Léaud haben, dem unvergesslichen filmischen alter ego Truffauts.

Wie ein Musikstück nicht nacherzählbar ist, so entzieht sich auch Bruno Bayens Buch jeder inhaltlichen Beschreibung, schon weil es sich in lauter Kürzestgeschichten verzweigt; als "Hochgeschwindigkeitsromane" hat Jeans und Osmers alte Freundin Ida Iolanda - amerikanische Dichterin in Paris und Urheberin einer "Schnelltheorie der Liebeseinnistung" - diese etikettiert. Zum Beispiel "die Geschichte des Mannes, der verzweifelt einen Platz für einen Inlandflug sucht: ein weniger eiliger Manager bietet ihm den seinen an. Das Flugzeug stürzt ab; kein Überlebender. Der Samariter, der seinen Platz abgetreten hat, erfährt den Namen des ungeduldigen Opfers und erkennt, daß sie gemeinsame Bekannte hatten. Zwei Jahre später heiratet er die Witwe."

Solche "Romane in Pillenform" - Giorgio Manganelli erfand dieses vergnügliche Genre -, solche "Fügungen" sind für Jean, diesen "seßhaften Herumtreiber" und "Champion des letzten Wortes", auch so etwas wie Verstecke vor dem Roman des eigenen Lebens, das er lieber aus zweiter Hand als unmittelbar erlebt. Er sei "kein methodischer Zölibatär", heißt es einmal von ihm; doch schreibt er lieber Liebesbriefe, als Liebe zu machen, und wenn er schwärmerisch erklärt, "die Frauen sind der halbe Himmel", so denkt er dabei vorwiegend an jene, die in Himmelsferne zu projizieren ihm gelingt. Sein emphatisches Lob der älteren Frauen verbirgt implizit die Angst vor den jüngeren: "Die Frauen sind nicht wie die Autos, wo das neue immer das bessere ist, eher wie Gemälde, wo die älteren die höheren Preise haben."

Auch Jeans älterer Freund Osmer, seit dreizehn Jahren verheiratet (angeblich hat er, wie Benjamin Constant, nur geheiratet, "um früh zu Bett zu gehen"), gefällt sich weit weniger in der Rolle des erotischen Aktivisten als in der des Voyeurs und verkündet, "gewisse Nichterfahrungen mit Frauen wiegen ein Abenteur auf". Einige Sommernächte lang beobachtet er von einer leer stehenden Wohnung aus die tschechische Pianistin Martha in ihrem Appartement und spürt "im Fortgang der ungreifbaren Nachtstunden ... an sich nur ein langsames Wegglühen, so als habe er weder Muskeln mehr noch Organe". Die Idee, sich Martha zu nähern und zu erklären, streift ihn offenbar nicht einmal.

Im Grunde sind für Jean und Osmer die Frauen vornehmlich jenes dritte Element, das nötig ist, um ihrer beider Freundschaft Belebung zu verschaffen, so wie analog die Liebespaare - laut Ida Iolandas Liebeseinnistungstheorie - die Passanten als "die Dritten", als neidische oder lustvolle Zuschauer, benötigen, um ihrer Liebe erst die Empfindung der Einzigartigkeit zu verleihen. Sobald eine Frau ins Spiel kommt und Jean und Osmer sich deshalb seltener sehen, wird einer zum "Spion des anderen". Wenn dann die Passion oder das Abenteuer ausklingt, sehen sie sich wieder öfter und "kehren zu ihrer Freundschaft zurück wie in einen stillen Winkel". Dort lässt sich auch von der Zeit träumen, "da sie nicht mehr nach Frauen Ausschau halten, vielmehr nach der Savanne".

Als "zwei aneinandergekettete Müdigkeiten" apostrophiert Bruno Bayen einmal sein Freundespaar, und es passt ins Bild, dass in diesem Kontext das Wort Saudade fällt, jenes portugiesische Synonym für lustvolle Verfallenheit an einen Fatalismus, der aus dem Gefühl rührt, dass es keine Gegenwart gibt, sondern nur Erinnerung oder Erwartung.