Brief und Roman sind konvergierende literarische Gattungen, denn das Dialogische und die Vielperspektivität zeichnen sowohl den Roman wie den Briefwechsel aus. Als in der Epoche der Empfindsamkeit bei Richardson, Rousseau und Goethe der Roman zum Brief mutierte und während der Romantik die Briefe Caroline Schlegels und Rahel Varnhagens episch wurden, waren das Sternstunden der europäischen Dichtung.

Gegenwartsliteratur ist immer ein Schreiben mit dem Kanon und gegen ihn. Barbara Honigmanns neues Buch Alles, alles Liebe! ist ein Briefroman, der Lese-Erwartungen, die mit der ambitiösen Erzählform verbunden sind, keineswegs enttäuscht. Die Korrespondenzpartner sind zahlreicher als in den klassischen Beispielen, aber das tut der Dynamik und Dramatik der geschilderten Liebes- und Freundschaftsbeziehungen keinen Abbruch. Wie bei den Briefromanautoren des 18. Jahrhunderts liegen auch die Figuren Honigmanns im Clinch mit real existierenden Miseren. Die Botschaften tragen Orts- und Zeitangaben: Berlin, Prenzlau und Meiningen im Herbst und Winter 1975. Das war die DDR in ihrer bleiernen Zeit, in den Monaten vor der Ausbürgerung Wolf Biermanns - "Scheiß-DDR! Die Enge! Die Starre! Das Unglück! Die Lügen!", wie es einmal heißt.

Anna Herzfeld, die Protagonistin des Buches, arbeitet am Theater, ist Dramaturgin und versucht sich erstmals als Regisseurin. Prenzlau im nördlichen Brandenburg, wo sie eine Anstellung findet, ist ihr seelen- und nervtötende Provinz. Die Briefe, die sie von dort an den geliebten Leon, die Freundin Eva, ihre Mutter und an Bekannte schickt, sind Teil ihrer psychischen Überlebensstrategie. Der Sommer ist vergangen, und damit die Idylle, die sie mit ihrem Berliner Freundeskreis in ländlicher "Einsiedelei" verbracht hatte. Aber von der Wärme, die das Miteinander, Lieben und Sichaustauschen erzeugte, strahlt ein wenig ab ins kalte Prenzlauer Zimmer.

Anna ventiliert die Idee einer künstlerisch-produktiven Gemeinschaftsarbeit: die "Einsiedler" mögen doch Geschichten dichten, mit Bildern schildern und in Gedanken zanken. Die Kreativität der Sommerkommune, der Ferien-Nische, des Salon-Ersatzes möchte sie in einem Album der Freunde dokumentieren. Kann es ein romantisches Projekt wie das Athenaeum des Friedrich Schlegel oder Achim von Arnims Zeitung für Einsiedler zu DDR-Zeiten noch einmal geben? Ein Tag graut wie der andere, Verzagtheit greift um sich, und der Plan vermehrt die endlose Liste unrealisierter Möglichkeiten künstlerisch-freundschaftlicher Kooperation. Allerdings sind die Briefe selbst ein Album der Freunde, das ihrem Zorn und ihren Hoffnungen Stimme gibt.

Was immer Anna will, kehrt sich gegen sie: Die Liebe zu Leon, dem so schönen wie depressiv-verzweifelten Don Juan, geht in die Brüche, und als Regisseurin des Wiener Volksstücks Der Furchtsame von Philipp Hafner scheitert sie. Sie wird entlassen, weil sie nicht verstehe, sich ins Prenzlauer "sozialistische Theaterkollektiv" einzufügen. Die Furchtsamen, das sind die anderen. Ein Unternehmen klappt zumindest halbwegs: Die Berliner Freunde inszenieren in einer Privatwohnung García Lorcas Bernarda Albas Haus, eine Parabel von Diktatur und Tyrannei. Kein Wunder, dass die öffentliche Aufführung des Stücks verboten bleibt. In den Diskussionen über das Drama wird Thomas Braschs Gedicht über Jim Morrison zitiert. Es handelt von der "müden Trauer" und dem "kleinen Hass" der Zeit. Morrison war in den sechziger Jahren das globale Idol des Summer of Love der Hippie- und Protestgeneration. Ost-Berlin ist nicht San Francisco. Mit zeitlicher Verzögerung erleben die alternativen "Einsiedler" die Kurzlebigkeit ihres "Sommers der Liebe", der kein internationales Medienereignis sein kann, sondern unter Bedingungen der inneren Emigration stattfinden muss. Das Stickige, die Ängstlichkeit, den Kleinmut der verspießerten offiziellen DDR-Kulturszene und die verhalten-unsichere Rebellion dagegen in den Monaten vor dem Biermann-Skandal - kein anderes Buch hat das atmosphärisch so bedrängend vergegenwärtigt wie Honigmanns Alles, alles Liebe!

Aber der Roman leistet mehr. Er bringt die spezifische Situation der jungen jüdischen Künstler im Honecker-Staat zur Sprache. Im Briefwechsel mit der Schauspielerin Eva liest man von den Anpöbelungen, denen sie als Jüdinnen ausgesetzt sind. Eva schickt Anna ihre Geschichte Die zwei Brüder, eine aktualisierte Variation des Grimmschen Märchens. Die beiden Brüder stehen für entgegengesetzte Möglichkeiten, als Juden zu leben. Der eine besinnt sich auf die jüdische Religion und Tradition, der andere erprobt fremde Lebensmöglichkeiten. Die Generation der Eltern hat ihre ideologische Heimat im DDR-Sozialismus gefunden. Sie waren Hitler-Flüchtlinge, sind aus dem Exil in die sowjetische Besatzungszone remigriert, waren als leitende Funktionäre an der Gründung der DDR beteiligt. Die Mutter Annas gehört zu dieser privilegierten Gesellschaftsschicht. Sie kann nach Wien reisen, besucht dort Verwandte und Freunde und kauft "West"-Artikel für ihre Tochter. Ilana, Annas jüdische Freundin im damals sowjetischen Riga, entwirft ihr Leben ganz anders. Sie hat nach langem Warten ein Emigrationsvisum für Israel erhalten. Aus Jerusalem schreibt Ilana, wie froh sie ist, zum Judentum ihrer Vorfahren zurückkehren zu können und den Repressionen des Sowjetstaats entkommen zu sein. Erst in ihrer neuen Umgebung sieht sie ihre Kreativität gefordert. Anna nimmt teil an diesen unterschiedlichen Biografien, ist selbst, einer Nomadin gleich, noch auf der Suche nach einem emotionalen und intellektuellen Zuhause.

Barbara Honigmann ist eine große Erzählerin. Das zeigt die künstlerisch gelungene Komposition und Anordnung der Briefe, die eine Lesespannung erzeugen, wie sie erfreulicherweise für den heutigen deutschsprachigen Roman wieder bezeichnend geworden ist. Alle Korrespondenzpartner haben ein eigenes Profil, eine individuelle Aura, vermitteln durch ihre unterschiedlichen Alltagssprachen ein nuanciertes Bild ihrer Aspirationen und Krisen. Wie auf ihren Bildern - die Autorin ist auch Malerin - sind ihre Figuren deutlich konturiert und von einprägsamer Plastizität.