Sie kommen über die Highways, tauchen in Kleinstädten und Dörfern auf, siedeln in billigen Motels oder auf Campingplätzen, suchen auf Nebenstraßen nach ihrer verlorenen Bodenhaftung, verdingen sich in irgendeinem Job, haben manchmal eine Affäre, vielleicht begehen sie einen Mord, kann aber auch sein, dass sie sich selbst umbringen. Denis Johnsons Figuren finden nicht viel Halt in der Welt. Sie sind Außenseiter, doch von jener Art, an der die herrschenden Verhältnisse ihre Spuren hinterlassen haben. Leonard English aus Johnsons Roman Wiederbelebung eines Gehängten (Suhrkamp, 1994) war so einer, und auch die Helden seines hoch geschätzten Short-Story-Bandes Jesus' Sohn (edition suhrkamp, 1995) gehörten dazu, um nur das Personal der bisher übersetzten Bücher Johnsons zu nennen.

In seinem voluminösen Roman Schon tot, dessen Originalfassung 1997 erschien, hat Johnson seinen Randfiguren nun auch ihren ganz eigenen Randbezirk zugeschrieben. Das ist ein literarisches Gebiet (Faulkner grüßt von fern aus Yoknapatawpha County), wo die Kontakte zur Realität entweder gekappt sind oder mächtig wackeln. Trotzdem findet sich dieses Mendocino County in jedem Atlas. Und sogar der Roman hat eine kalifornische Landkarte mitbekommen, als Nachweis dafür, dass dieser abgelegene Weltenrand immerhin über die Staatsstraßen 1 und 101 erreichbar ist.

Carl Van Ness kommt über die U. S. 101 aus einem Leben, von dem er offenbar nichts mehr erwartet. Er sei bald tot, aber könne alle überleben, prophezeit er denen, die ihm über den Weg laufen. Was beides eine gewisse Richtigkeit hat. Als Van Ness versucht, sich im Teich hinter Nelson Fairchilds Haus zu ertränken, wird er von Nelson gerettet. Dabei kommt Nelson eine Idee: Wenn dieser Kerl sterben will, kann er genauso gut vorher Nelsons Frau umbringen, die von Nelson nichts mehr wissen will und seiner väterlichen Erbschaft im Wege steht. Ganze Redwood-Wälder kämen dann in seinen Besitz, und er müsste sein Geld nicht mehr mit ein paar heimlich angebauten Marihuanastauden machen. Van Ness willigt ein, folgt aber anderen dämonischen Eingebungen. Statt der Ehefrau ermordet er den Vater und den Bruder von Nelson. Nelson selber, der sich zunächst zwar mit knapper Not retten kann, wird von zwei Auftragskillern wegen einer alten Ganovenschuld nach ereignisreicher Flucht zur Strecke gebracht. Van Ness heiratet am Ende Nelsons reiche Witwe.

Der Kern der Romanhandlung, verrät uns Johnson, geht zurück auf ein Gedicht von Bill Knott mit dem Titel Poem Noir von 1983, das in knappen Worten den fatalen Rollentausch zwischen Anstifter und Täter als Circulus vitiosus darstellt. Dennoch ist Johnsons Anmerkung - "dieses Werk stammt nicht von mir" - eine mehrdeutige Mystifikation, ganz in der irrlichternden Manier seines Romans.

Das Genre der "schwarzen" Kriminalgeschichte, die in den vierziger Jahren das Handwerk des Lebens als verbrecherische Mechanik zeigte, in die allenfalls ein existenzialistischer Held ein wenig Sand streuen konnte, wird hier aufgegriffen und verwandelt. Johnson hat nämlich, wie der amerikanische Titel Already Dead. A California Gothic annonciert, gleich noch ein zweites berühmtes Muster verwendet, nämlich die Gothic Novel, den Schauerroman. Eine Gattung also, die vieles erlaubt und vermischt, von schlichten Schandtaten bis zu übernatürlichen Verstrickungen.

Um Mord, Gemeinheit und Bereicherung geht es in Johnsons Roman denn auch nur nebenbei. Tatsächlich dreht er sich um Entwurzelung, Einsamkeit, Wahnvorstellungen und Glaubenssehnsucht. Entsprechend ist die Erzählung aufgebaut. Der gesamte Schauplatz steht im Bann dieser Themen. Dieses Mendocino County mit seinen Küsten, Bergen und riesigen Redwoods wird zur monumentalen Kulisse für das ebenfalls nicht kleine Problem von Menschen, die sich im Inneren abgestorben fühlen, mit "erloschenen Seelen". Schon tot eben.

Der Nebel, der über dem Land liegt, ist das dazu passende Wetter, Sandstürme ebenfalls. Auf dem Schicksal muss man wie auf den Meereswellen reiten, sagt der Surfer Clarence. Auf den Straßen lauert der "Highway-Wahnsinn". Alles hängt mit allem zusammen. Die Radarstationen in den Bergen treiben manchen in die paranoide Angst vor vernichtender Strahlung. "Ich nenn überhaupt nichts mehr Realität", sagt der Dorfpolizist Navarro, und ein anderer fragt: "Kann es sein, dass die Gegend hier immer verrückter wird?" Unbedingt!