Aber genau besehen sind an der Chronik der Gefühle, einer 2000 Seiten umfassenden Sammlung von Erzählungen, nur 700 Seiten neu. Kluge hat sie mit seinen früheren Büchern, den Lebensläufen, der Schlachtbeschreibung, den Lernprozessen mit tödlichem Ausgang und den Geschichten über die Unheimlichkeit der Zeit, zu einem sonderbaren Konvolut verbunden. Einerseits ist dies eine erste Werkausgabe, andererseits ein Monolith, der es nicht auf Besinnlichkeit, sondern auf Irritation absieht.

Kluge ist ein Verweigerer des autobiografischen Genres. Für seine gesammelten Erzählungen wählt er den Weg vom Jetzt in die Vergangenheit, von der Gegenwart des wiedervereinigten Deutschland und dessen Lebensläufen zurückschreitend in seine Kindheitsgeschichte des Erzählens, zu den Lebensläufen und der Schlachtbeschreibung. Das Alte verliert den Geruch des Vertrauten, und das unerprobte Neue erscheint in der Kontinuität des Alten. Zugleich wird daran deutlich, dass Kluges Erzählungen resistent gegen alle Moden sind, dass ihr unterkühlter Duktus in den vierzig Jahren sich kaum verändert hat.

Es gibt wenige Autoren, die man so sicher nach wenigen Sätzen wiedererkennt (und keinen anderen Filmemacher, den man nach so wenigen Einstellungen zweifelsfrei identifiziert). Kluges Stil wirkt so kunstlos, dass man auf Geringschätzung von Spracharbeit schließt und den Einfall, dass einige der neuen Geschichten an Kleistsche Anekdoten erinnern, gleich wieder verwirft. Es ist die Sprache eines Autors, der als Jurist oder Filmproduzent mit den Mechanismen der bürokratischen Apparate vertraut ist. Auch die jüngsten Lebensläufe erinnern an die Form des Protokolls und der Meldung, vielleicht an eine außerplanetarische Behörde.

Wirkt die Flut der neuen Themen auch überwältigend, so sind dem Chronisten dennoch Halberstadt und Stalingrad die wichtigsten Orte der Welt geblieben. Die schnellen Sprünge vom Trivial-Konkreten zum Abstrakten, die gewalttätigen Perspektivenwechsel sind verbunden mit einer Schwindel erregenden Unübersichtlichkeit, die allen Inhaltsverzeichnissen (die hier gewiss mehr als hundert Seiten einnehmen), allen Fettdrucken, Kommentierungen und Illustrierungen widersteht.

Immer noch dominiert ein kaltherzig wirkender, antipsychologischer Blick, der mit sprachlicher Sorglosigkeit ("das echt absolut Reelle ist das absolut Poetische") und einem ausgeprägten Sinn für das Komische verbunden ist. Immer noch laufen die Geschichten auf rätselhafte Pointen zu, die manchmal aus kryptischen Sätzen bestehen ("Eigentum ist das Glück"), manchmal aus schieren Banalitäten. Auf rechthaberische Belehrung jedenfalls kommt es Alexander Kluge nicht an, wenn er vom Bio-Bolschewisten erzählt, der in Frankfurt am Main 26 Genossinnen schwängert und damit "26 Parallel-Universen erzeugt" hat, der eine Junior-Handy-Fraktion des Auswärtigen Amtes zur Mostar-Konferenz nach Rom begleitet, auf der Suche nach der Elite des Jahres 2030, oder der eine Lohengrin-Aufführung im Leningrad des Jahres 1941 mit einer Wiener Götterdämmerung-Inszenierung im März 1945 verbindet.

Dass die Vermischung von authentischem und fiktivem Material Kluge nie Probleme bereitete, war bekannt; im vierten Kapitel des ersten Bandes wird das nun auf die Spitze getrieben, und bezeichnenderweise gibt es hier im "Anhang" keine redseligen Nachweise: Martin Heidegger tritt auf mit seinen Reiseaufzeichnungen von der Ostfront 1941, wo er eine junge Frau requiriert und in ihr eine Nachfahrin der Iphigenie erkennt. Der (authentische) SS-Einsatzgruppenführer Ohlendorf, der Teufel persönlich, meldet sich aus Wittenberg zu Wort, zwischendurch der mysteriöse Otto Rahn (Autor zweier Studien über die Katharer) und schließlich eine reiche junge Dame, die sich von Nietzsches erhaltenem Samen einen "superman" verspricht. Der NS-Wissenschaftler bringt seine Meldung über das Wirken des Teufels nicht zustande, weil das "Kommunikationsgefüge zwischen Meldendem und Meldebehörde" fehlt.

Kluge ist ein Spezialist für jene Art von Botschaften, die ansonsten "wegen der Nichtformulierbarkeit der Meldungen unterbleiben".