Ein Berg hat gekreißt, eine Maus ward geboren. Sie ist zwar lebendig, sie zappelt und huscht, doch sobald man genauer hinsieht, ist sie auch schon verschwunden. Mit anderen Worten und diesseits aller patenten Metaphorik: Allzu große, zu düster lockende Gerüchte sind dieser Untersuchung von Michael Maar vorausgelaufen, als dass ihre Lektüre nun nicht doch ernüchtern, enttäuschen müsste. Ungeheures sollte in dem Büchlein entdeckt werden, nicht nur der Grund für das lebenslang bekannte Schuldgefühl Thomas Manns, sondern damit auch die Spur zu dem Ur-Antrieb, zu der tiefsten, dunkelsten Motivation dieses lebenslangen Schreibens, das sich immer als Rechtfertigung, ja Buße verstehen wollte.

Auf ins Blaubartzimmer also, von dem allwissend oder allahnend die Lieblingstochter und Norne Erika geraunt hatte. Dort müsste der Greuel, irgendeine Leiche oder Schandtat, ein Gemetzel oder doch Trauma zu entdecken sein, sehr früh in diesem Leben, zwischen Friedemann und Buddenbrooks, eine Schande und ein Geheimnis, die dann dieses Leben und dieses Schreiben über Jahrzehnte in einer schrecklichen geheimen Spannung halten. Solches Wähnen und Vermuten ist wahrlich nicht aus der Luft gegriffen, und scharfsinnig, wie er nun einmal ist, weiß Maar seine Recherche in Gang zu setzen und spannend auch durchzuhalten.

Seinen ersten Verdacht erregt die gewaltige Erschütterung, eine bis zu Selbstmordgedanken ausschweifende Angst des Emigranten in spe, der 1933 immer wieder notiert, in München hätte er ungeheuerlich kompromittierende Papiere zurückgelassen, die in den Händen der Nazis und der Weltöffentlichkeit, so fürchtet er, mehr als nur seine geistige Existenz vernichten könnten. Unmöglich, so Maar mit reich belegter Begründung, dass es sich dabei nur um die aus früheren und späteren Tagebüchern längst bekannt gewordenen homoerotischen Träumereien dieses sexuell so heikel ambivalenten Autors handeln könnte. Denn mit ihnen, mit der Angst um ihre Entdeckung hatte man sich dieses große Zittern des Nobelpreisträgers bisher landläufig erklärt. Also was sonst, was an Schlimmerem, Schändlicherem hatte der große Mann zu verbergen? Was machte ihn damals bis hin zu Selbstmordgedanken depressiv? Die Suche nach dem Blaubartzimmer beginnt. Sie führt über dunkle und auch blutige Spuren, und lange meint man, hofft man, sie könnte an ein Ziel führen und nicht, wenn auch auf schönen Umwegen, ins Leere. Doch die autobiografischen Zeugnisse geben für Maars Verdacht und Vermutungen nicht viel her, das sieht er bald ein. Sie umspielen das Geheimnis, wenn es denn eines gibt, mit Andeutungen und Winken, denken aber nicht daran, es zu verraten. Denn alles ihm Peinliche an privaten Notizen, wie krass oder harmlos es immer gewesen sein mag, hat Thomas Mann, wie wir längst wissen, in immer neuen Verbrennungsaktionen in Asche verwandelt. Folglich setzt Maar in seinem zweiten Kapitel an zum abenteuerlichsten Teil seiner Recherche, zum Versuch, den Romanen und Erzählungen das Trauma zu entreißen, von dem und aus dem heraus Thomas Mann halb offen, halb verschlüsselt erzählt haben könnte.

Schierer Biografismus? Diesem modischen Verdikt, das jeden Rückschluss von Fiktionen auf ihren Autor verbietet, weiß Maar elegant auszuweichen. Dass fiktive Entwürfe, Szenen, Figuren einen anderen Status haben als autobiografische Fakten, Erfahrungen, Erinnerung, ist ihm so klar wie andererseits, dass Thomas Mann nach eigenem Bekenntnis und aller Erkenntnis von nichts anderem erzählt hat als immer nur von sich, wie verschlüsselt und verwandelt auch immer. Also müsste gerade sein peinlichstes Lebensgeheimnis verborgen sein in der "Palastanlage seines Werks".

Maar dringt ein in die Kellerverliese des Mannschen Erzähluniversums, vom frühen Tobias Mindernickel, der (gezeichnet mit den Initialen TM!) lustvoll sein Hündchen schlachtet, bis hin zur letzten geschriebenen Seite im Krull-Fragment, wo das "Blutspiel" des Stierkampfs in Beziehung gesetzt wird zu einer sexuellen Vereinigung. Immer nur knapp aufgerufen, scharf beleuchtet und kommentiert, entfaltet sich eine Serie von grausigen Motiven und Szenen: Messer blitzen, Blut fließt, gestochen wird, geschossen, geköpft, gemetzelt und auch vergewaltigt.

Keiner dieser grellen Momente ist dem Mann-Leser unbekannt, doch ihre serielle Reihung, ihr unermüdliches und offenbar ununterdrückbares Immer-wieder-Auftauchen erstaunt, ja erschreckt nun doch. Nicht um die holde, allbekannte Dissonanz von Liebe und Tod geht es ja in diesem Motivknäuel, sondern um das Sichineinanderverbeißen von Lust und Gewalt. Sind das nicht doch, so fragt Maar sich und auch uns, Indizien, die auf ein unverwundenes Trauma, auf eine Urszene im realen Leben des Erzählers verweisen?

Wenn ja, dann müsste dieses Schock- und Schanderlebnis früh in dieser Biografie zu positionieren sein, zwischen der Friedemann- und der Mindernickel-Geschichte wohl. Also in Neapel, das der 21-Jährige 1896 zum zweiten Mal besucht und wo ihm, wie er Freund Grauthoff schreibt, auf den Straßen nicht nur Mädchen angeboten worden sind? Die Nietzsche-, Zuhälter- und Hurenmotive noch im Doktor Faustus, der späten Generalbeichte, könnten auch in diese Richtung weisen. Tatsächlich hat Maar in neapoletanischen Archiven stöbern lassen nach irgendeiner einleuchtenden Blut- und Gewalttat, in die der junge Mann hätte verwickelt gewesen sein können, und sei es nur als nun ein Leben lang schuldbewusst erschrockener Zuschauer. Nichts hat sich gefunden, kein Messer, kein Blut, keine passende Leiche, auch keine Kinderschändung, ein Dostojewskij-Motiv, das Maar noch hineinzieht in seine Recherchen.