Die amerikanische Short Story im 20. Jahrhundert erinnert an den Jazz. Wie er bedient sie sich einer Reihe von Grundmotiven, die dann in immer neuen Improvisationen, Stilen, Parodien und extravaganten Spins durchgespielt und weitergeführt werden. Was den Jazzsolisten die Standards sind, die foggy days und die foolish things, das sind den amerikanischen Geschichtenerzählern die Paare, die Ehepaare, die Schicksale von Suburbia, die College-Milieus mit ihren elfenbeinernen Karrieren und der Fluktuation des Fleisches, das sind Menschen auf der Höhe der Zeit und in der Untiefe einer seltsamen Unlust, Unruhe, Unerlöstheit. Und so, wie in den Alleingängen eines Thelonious Monk oder John Coltrane die Themen bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, zerhackt, verhöhnt, vergessen und begnadigt werden, so lässt die amerikanische Short Story den Plot, die Handlung, fast immer hinter sich wie eine allzu billige Masche, erzählt das Geschehen eher weg und versucht sich an den Schichten unter dem Small Talk. Jene Art Literatur, wie sie seit etwa 1950 (und nach Hemingway) vor allem vom New Yorker protegiert und profiliert wurde, lässt sich fast auf den Nenner bringen: Eine gute Story ist eine, die keine hat.

An solchen Erzählungen versucht sich, unentwegt, ganz Amerika. Das creative writing ist an den Colleges und Universitäten eine Art Breitensport, und nur so erklärt sich die Fülle der Talente, die die Hürde der Sophistikation nahmen und den Weg in die Öffentlichkeit schafften. Nur so versteht sich auch der Umstand, dass das Genre der Short Story seine Faszination nie eingebüßt hat: Es sind Miniaturen, in denen das große, rat- und zusammenhanglose Land sich immer wieder selbst erkennt. Die Short Story ist das Portable unter den Couches der Psychiater.

Unter den vielen Talenten (wie sie noch Michael Naumann in der Anthologie Made in the USA vorgestellt hatte), ragt als besondere Virtuosin Lorrie Moore hervor, die sich schon vor zehn Jahren mit dem Erzählungsband Leben ist Glücksache hierzuland bekannt gemacht hat. Auch Moore bedient die Standards. Sie tut es präzise, lustvoll, hintergründig und mit einem Hang zur Mystifikation. Sie spielt nicht nur mit den Situationen, Typen, Milieus, sie spielt immer auch mit der Sprache, wobei der Wortwitz meist nicht der Erheiterung, sondern, im shakespeareschen Sinn, der Subversion dient. Mitunter ist es bloß ein Name, aus dem der Drive einer Geschichte freigesetzt wird: Die introvertierte Lilena entdeckt, dass aus ihrem Namen das Anagramm "Allein" gebildet werden kann und versucht, sich gegen das damit angesagte Schicksal zu wehren. (Der vorzügliche Übersetzer Frank Heibert ist hier wie an vielen anderen Stellen damit beschäftigt, deutsche Entsprechungen für die amerikanischen Sprachspiele zu erfinden; im Original ist Lilena natürlich eine Elona.)

Frauen. Lauter Frauen. Fast alle Protagonisten sind Frauen, mit Ausnahme zweier schwuler Männer. Da ist die zweitklassige Schauspielerin, die gerade aus den Besetzungsrastern und ihrem bisherigen Leben herausfällt, da ist die bejahrte Amerikanerin, die im neuen, furchterregend fremden Haus gegen Unkraut, Krähen und schließlich gegen einen Einbrecher vorgeht, in Wahrheit aber gegen das Alter und die Abgestandenheit ihrer Ehe kämpft. Da sind immer wieder die Mütter mit ihrer zähen Unzerbrechlichkeit, ihrer naturbelassenen Intriganz und ihrer ziellosen Energie. Da sind aber vor allem die jungen, jüngeren, meist gebildeten Frauen, allein gelassen in jenen Dramen, die es nie auf die Bühne bringen, sondern sich in nervenden Momenten abspielen. Von solchen nervenden Momenten handelt eigentlich das Buch, und es schneidet sie, wie im Videoclip, so dicht aneinander, dass man mit dem Lesen kaum hinterherkommt.

Lorrie Moore ist auch eine Meisterin der Dramaturgie. Fast jede ihrer Geschichten hat eine Art Trailer, der die Situation setzt, die Figur fokussiert und das Ende besiegelt. Dieser Vorspann setzt uns unnachgiebig auf die Spur zum eher happigen Ende. So im Fall der ausrangierten Schauspielerin: "In ihrem letzten Film hatte die Kamera auf der Hüfte verweilt, der nackten Hüfte, und obgleich es nicht ihre eigene Hüfte war, erwarb sie den Ruf, willig zu sein."

So, wenn ein Familientreffen, ehe es erzählt wird, in zwei Sätzen drastisch so (dahin)gerafft wird: "Es ist ziemlich passend, dass Weihnachten so weit heruntergekommen ist, bis auf die bloßen Knochen. Die Familie wirkt auf Therese mittlerweile sowieso wie ein Pack Schmierenkomödianten; sie kommen an, spielen sich gegenseitig Theater vor und nehmen den frühestmöglichen Heimflug nach Boston oder Chicago."

Es sind Scharaden, die man zu enträtseln versucht, und es sind die Scharaden des Alltags, der Annäherung, der Lieblosigkeit, die die Autorin mit ihren Texten zu deuten unternimmt. Was man von einigen Leuten nicht behaupten kann (so der beiläufige Titel der deutschen Ausgabe), genau das will sie mit beträchtlichem Behauptungswillen erkunden.