Kein Komponist der Musikgeschichte hat die Fantasie der Dichter und Schriftsteller so beflügelt wie Mozart. Die literarischen Metamorphosen seiner Werke und Figuren oder der Stationen und Konstellationen seines eigenen Lebens sind kaum mehr zu zählen. Über all diesen Dichtungen von E.T.A. Hoffmann über Puschkin bis Peter Shaffer schwebt - als sublimste Musiker- und Musiknovelle der Weltliteratur - Mörikes Mozart auf der Reise nach Prag (1851).

Die literarischen Mozartiana haben auf die Interpretation von Mozarts ‘uvre in einem Maße zurückgewirkt, wie das wohl bei keinem anderen Musiker der Fall ist. Immer noch sehen wir Don Giovanni mit den Augen E.T.A. Hoffmanns, dessen Don Juan von 1814 die Reihe der großen Mozart-Dichtungen einleitet und als erste jene erotische Sympathie zwischen Donna Anna und Don Giovanni imaginiert hat, die bis heute fast jeder Mozart-Liebhaber in dieser Oper aller Opern wahrnehmen will.

Warum ist gerade Mozart der am meisten literarisierte Komponist der Musikgeschichte geworden, warum nicht etwa Beethoven oder Wagner, dessen abenteuerliches Leben dazu doch prädestiniert schien? Der Grund dafür ist wohl die Tatsache, dass Mozarts Leben und Werk vom Geheimnis des vorsentimentalischen Künstlertypus umwittert sind, der sein Schöpfertum noch nicht zum Gegenstand ästhetischer Reflexion macht, seine Intentionen in Brief oder Gespräch eher verbirgt als offenbart und von der Persönlichkeit des Künstlers selber noch nicht viel Aufhebens macht. Mozarts Vita und Kreativität bleiben - anders als im Falle des sentimentalischen Selbstinterpreten und literarischen Selbstdarstellers à la Wagner - rätselhaft, fordern zu immer neuer literarischer Rätsellösung heraus.

Dass es mit den literarischen Mozart-Bildern auch im neuen Jahrhundert und Jahrtausend noch nicht vorbei ist, zeigt der jüngste Roman von Hanns-Josef Ortheil, das Schlussstück einer Trilogie europäischer Kulturhauptstädte, die mit dem Goethe-Roman Faustinas Küsse (1998) begann und deren Mittelstück der Maler-Roman Im Licht der Lagune (1999) bildet. Rom, Venedig und nun Prag sind die Schauplätze dieser Romantrilogie, die jeweils um den Typus des Dichters, des Malers und des Musikers kreist. Was die drei Romane verbindet, ist aber nicht so sehr die Künstlerthematik wie der Zauber des Eros, der diesem Autor wie nur wenigen deutschen Schriftstellern der Gegenwart literarisch zu Gebote steht. Die Uraufführung des Don Giovanni, den Kierkegaard als reinste Offenbarung "sinnlicher Genialität" interpretierte, zieht auch Casanova in ihren Bann, den Homme à Femmes des vorrevolutionären Europa par excellence.

Die historisch nicht verbürgte Beziehung zwischen Mozart und Casanova ist freilich keine Erfindung Ortheils, sondern diese hat eine weit über 100 Jahre dauernde Geschichte. Sie geht zurück auf die Rokokobilder von Alfred Meissner, die sich auf Tagebuchaufzeichnungen seines Großvaters stützen. Ein Kapitel dieser Bilder schildert die Abschiedsgesellschaft, die das Ehepaar Duschek - ihr Landgut spielt auch eine leitmotivische Rolle in Ortheils Roman - Mozart am Vorabend der Uraufführung des Don Giovanni (29. Oktober 1787) gegeben und an der Casanova angeblich teilgenommen hat. Angelpunkt des Kapitels ist die Anekdote, dass Mozart erst in der Nacht vor der Uraufführung die Ouvertüre niedergeschrieben habe - eines der Spannungsmomente auch in Ortheils Roman.

Tatsächlich hat Casanova sich eben in den Tagen der Uraufführung des Don Giovanni in Prag aufgehalten, da er dort Verlagsverhandlungen wegen seines Romans Icosameron führte. (Bekanntlich stand er in seiner letzten Lebenszeit als Bibliothekar in Diensten des Grafen Waldstein auf dessen Schloss Dux unweit von Prag.) Was Meissner aber noch nicht wissen konnte: Im Nachlass Casanovas hat sich ein Textfragment zu Don Giovanni von Casanovas eigener Hand gefunden, in dem er dem Sextett des zweiten Akts offenbar eine andere Gestalt zu geben suchte. Dass Casanova, der sich auch sonst lebhaft für die Gattung des Opernlibrettos interessierte, mit Da Ponte in Verbindung stand, ist erwiesen. Dieser selbst hat in seinen Memoiren seine Bekanntschaft mit Casanova seit ihrer Jugend in Venedig ausführlich beschrieben, und Casanova hat sich in Briefen vielfach - und wenig schmeichelhaft - über Da Ponte geäußert.