Net-enthusiastische Senatoren oder Handelskammer-Präsidenten jubeln gerne darüber, dass Berlin nur noch einen Mausklick von Los Angeles entfernt sei. Dann aber geben sich dieselben Leute maßlos erstaunt und entsetzt, wenn sie registrieren müssen, dass sich auch Rechtsradikale, die amerikanische Christian Coalition oder Pädophile vernetzen. Und blitzschnell tritt ein Reflex auf, den man ansonsten nur von defensiven Gewerkschaftern und Aktivisten von Umwelt- oder Tierschutzgruppen kennt: "Wir werden nicht zulassen, dass ..." Man soll alles tun, um Kinderpornografie und Rechtsterrorismus wirksam zu unterbinden; aber man soll sich bitte nicht wundern, dass das kunstvolle Beziehungsgefüge und die Geschwindigkeit elektronischer Netze nicht nur für edle, sondern auch für unedle Zwecke benutzt werden können.

Es gibt eine fatale Tendenz, die digitale Revolution nicht als Herausforderung für intelligentes politisches Handeln zu verstehen, sondern als wunderbare Brotvermehrung. Wer aber so tut, als ob Deregulierung, Privatisierung und Globalisierung im Selbstlauf zu Wohlstand, Gerechtigkeit und sozialem Frieden führten, täuscht sich selbst und die, die ihm gläubig zuhören. Man muss die Kraft haben, die neuen Chancen aufzugreifen, und gleichzeitig Vorsorge für die Modernisierungsverlierer treffen, in unserem Fall für die Vernetzungsverlierer, die Opfer von Geschwindigkeit, Gleichzeitigkeit und Konnektivität.

Versucht man, sich von wütender Enttäuschung über die Internet-Revolution genauso freizuhalten wie von Propaganda, kann man den derzeit ablaufenden Prozess etwa so charakterisieren: Die Beschleunigung weltweiter Kapitalbewegungen führt zur "Entmächtigung des Nationalstaats" (Habermas), der allerdings keine Ermächtigung neuer Akteure, etwa Europas, gegenübersteht. Der Industriekapitalismus wird in eine deutlich weniger regulierte Ökonomie transformiert. Ich nenne sie den digitalen Kapitalismus. Damit ist ein höheres Wachstum, aber auch eine spürbar asymmetrischere Verteilung des Zuwachses verbunden. Der globale Kapitalmarkt bekam plötzlich die Macht, nationale Regierungen zu disziplinieren, etwa 1994 die mexikanische. Staaten sind eher in Märkte als Volkswirtschaften in Strukturen eingebettet.

Jeder Dritte ist ein Modernisierungsverlierer

Die entstehende Boom-Society produziert viel neuen Reichtum und eine Change-Kultur, die oft genug einer "Neuen Ökonomie" und einer neuen Generation zugute kommt. Sie produziert aber genauso die Zerstörung alter Strukturen und ein merkwürdig zusammengesetztes drittes Drittel der Gesellschaft, in dem sich die Modernisierungs- und Vernetzungsverlierer mit Leuten treffen, die die Beschleunigung aller Lebensverhältnisse nicht mitmachen wollen und sich deshalb in so genannte "down-shifting"-Prozesse stürzen, also aus materiellem Verzicht Lebensqualität erlösen wollen.

Während die Wirtschaft bereits globalisiert ist, gilt das für die Politik noch lange nicht, wie ich mit vier Beispielen zeigen will:

Eine neue Geografie der Zentralität: Die digitale Revolution ermöglicht es zwar, dass irgendjemand aus einem Dorf heraus große Geschäfte machen kann. Insgesamt bleibt Zentralität aber eine Schlüsselkomponente des Wirtschaftssystems. New York, London, Tokyo, Hongkong, Paris, Frankfurt oder Zürich bestimmen die Informationsökonomie. Selbst innerhalb der großen Städte gibt es eine Geografie der Zentralität und eine der Marginalität: Im Zentrum New Yorks gibt es die höchste Konzentration der ganzen Welt an Gebäuden mit Glasfaser-Netzanschluss, doch daneben, in Harlem, gibt es nur ein einziges solches Gebäude; das südliche Zentrum von Los Angeles hat überhaupt keins. Saskia Sassen spricht von einer "Verräumlichung der Ungleichheit".