Abgegolten ist gerade der Mahagonny-Stoff von 1930 keineswegs, im Gegenteil: Die Wirklichkeit hat ihn längst eingeholt. Das Antlitz unserer Aktienfieber-Schmiergeld-Ballermann-Swinger-Gesellschaft, das uns (nicht nur) aus den Medien entgegenblickt, lässt Brechts fratzenhaftes Zerrbild von der anarchischen Paradiesstadt Mahagonny, in der man "alles dürfen darf", fast ein wenig blass aussehen. Der schräge Schwung beim Tanz über dem gähnenden Abgrund, den Kurt Weill so genial in Musik gefasst hat, klingt vital wie eh und je. Und Paul Ackermanns "Gesetz der menschlichen Glückseligkeit" hört sich an wie das Hohelied auf den Neoliberalismus unserer Tage - "Nimm dir das Geld, du darfst es!". Einen Unterschied zur Gegenwart freilich kann man bei Adorno nachlesen: "Die Stadt Mahagonny", schreibt er in seinem fulminanten Aufsatz aus dem Jahr 1930, "ist eine Darstellung der sozialen Welt, in der wir leben, entworfen aus der Vogelperspektive einer real befreiten Gesellschaft." Die Symbole für dämonische Geldgier, die Träume desparater Fantasie seien "die exakte Projektion der Verhältnisse auf die unberührte weiße Fläche des Zustands, der werden soll." Aber der - die sozialistische klassenlose Gesellschaft - gehört am Anfang des 21. Jahrhunderts schon wieder der Vergangenheit an. Und ohne die utopische "Vogelperspektive" erhält der bitterböse Sarkasmus im Stück einen Drive ins Rabenschwarze, Nihilistische. Kapitalismuskritik ohne Vision? Was bleibt, ist das hartnäckige "Aber etwas fehlt!", das Paule in der achten Szene seinen Freunden entgegenbrüllt, weil es ihm in Mahagonny nicht gefällt - er spürt einen Phantomschmerz. Danach will er seinen Hut aufessen.

In Konwitschnys Inszenierung ist Paul Ackermanns Hut ein kanariengelbes, keckes Freizeithütchen, auf das "Viel Spaß" geschrieben steht. Alle Männer tragen es in der "Viel Spaß"-Stadt auf dem Kopf. Denn Mahagonny ist eine Mischung aus Club-Urlaubsdomizil und Puff. In weißen Bademänteln rekeln sich die Gäste auf einem riesigen, roten, kaskadenartig abgestuften Plüschsofa. Alles ist da: Champagner, mondäne Damen mit hochgeschlitzten Kleidern und eine Holzrutsche für das kleine Vergnügen zwischendurch. Später steht auch Ingo Metzmacher mit seiner Staatsopern-Combo auf der Bühne. In einem Jackett aus Silberlamé dirigiert er mit leichter Hand und souverän im Ausdruck all die abenteuerlichen Sachen, die Weill in seiner Partitur ineinander stürzen lässt: Grotesk übertourt die Shimmy- und Foxtrottadaptionen, schneidend die bitterbösen Choralpersiflagen, expressiv den hohen Opernton und herrlich verbeult alles Triviale aus der Gosse. Die Sängersolisten rücken das Stück bewusst weg vom verruchten Huren-und-Ganoven-Schnodderton, auf den sich singende Schauspieler so gerne verlegen. In Albert Bonnemas Paul schwingt etwas vom Tenorglanz des Siegfried mit, den er in der Stuttgarter Götterdämmerung gesungen hat. Inga Nielsen macht aus der Jenny eine leicht outrierte, gefallene Pamina.

Varieté-Schmiss und Klassenkampf

Die große Bordellszene gerät zur bizarren Drang- und Drängelnummer der Männerhorde vor drei rosafarbenen mobilen Kunststoffklos. Beim brutalen Boxkampf im zweiten Teil spuckt Alaskawolfjoe die ausgeschlagenen Zähne im hohen Bogen in die Luft. Nur beim Sterben hat der Spaß auch in Mahagonny ein Ende. Das Entsetzen steht den Menschen plötzlich im Gesicht, wenn dem japsenden Jakob Schmidt das Blut aus den Mundwinkeln sickert, nachdem er sich an putzeimergroßen Fleischkonserven überfressen hat. Routiniert und wuselig hat Konwitschny solche Tableaus des hedonistischen Rausches arrangiert. Amüsant, das anzuschauen.

Aber Metzmacher und Konwitschny wissen natürlich sehr genau, dass dem Stück mit Varieté-Schmiss und schriller ironischer Überzeichnung alleine nicht beizukommen ist. Brecht und Weill wollten viel mehr: Das Kulinarische selbst, schreibt Brecht in seinen Anmerkungen zu Mahagonny, müsse zur Diskussion gestellt und die Gesellschaft attackiert werden, die solche Opern benötige. Und deshalb werden in Hamburg noch einmal die bewährten Tricks aus den alten Brecht-Lehrbüchern angewendet. Nicht als historisches Zitat sondern mit heiligem Ernst, als sei die Zeit wieder reif, ein linkspolitisch engagiertes Musiktheater über die Rampe zu agitieren.

Weil wir ja alle ein bisschen mahagonny sind, erklimmen zu Beginn des Abends die Akteure vom Zuschauerraum aus die Bühne. Vom Rang regnet es handgeschriebene Flugblätter ("Viel Spaß in Mahagonny"). Sogar in der Pause pfeift der drohende Hurrikan der Apokalypse aus Lautsprechern um die Ecke. Alles sehr brechtisch. Das apokalyptische Trauermarsch-Finale schließlich - wenn Paul Ackermann hingerichtet ist, weil er nicht zahlen konnte und Mahagonny im Abgrund des Kampfs "Aller gegen Alle" versinkt - formt Konwitschny zum gesellschaftskritischen Theatercoup mit strammem Appellcharakter. Da stapeln sich die proletarischen Massen, da werden die Parolen hochgehalten und Transparente entrollt, und Metzmacher lässt den oratorischen Schlusschor geradezu dröhnen. Und als genüge dies immer noch nicht, knallt die Regie den Zuschauern zu den letzten Takten noch ein allerletztes, ultimatives Brecht-Zitat auf einem Gazevorhang vor die Nase: "Warum dieses zähe Festhalten an der Berauschung? (...) Warum keine Diskussion? (...) Antwort: Eine Diskussion der heutigen Gesellschaftsformen (...) würde sofort und unhemmbar zu einer absoluten Bedrohung dieser Gesellschaftsform überhaupt führen." Licht aus, Ende. Ungetrübter Jubel für die Sänger, den Dirigenten, das Regieteam. Was wohl eher dagegenspricht, dass das politisch aufrechte Konwitschny-Theater (noch?, wieder?) ein kritisches Bewusstsein zu kitzeln vermag. Im Zweifelsfall wird da nur der schräge, bunte Abend beklatscht. Aber vielleicht bleibt doch ein leiser Phantomschmerz. "Etwas fehlt", singt Paule Ackermann.