Es gibt gute Gründe, jenes scheinbar ferne Jahrhundert der Aufklärer in Erinnerung zu behalten. Das ist selbst im Zeichen postmoderner Vernunftschelte oft, wenn auch mit wachsender dekonstruktiver Behauptungsschwäche, hervorgehoben worden. Doch dieses Buch wird seiner Inspiration und seinem Anlass auf besonders eigentümliche und schöne Weise gerecht: Illustre Forscherköpfe der Gegenwart offerieren kommentierte Lieblingstexte aus dem 18. Jahrhundert.

Wie anders hätten die Lektoratskollegen von Ernst-Peter Wieckenberg dieses Commerzium der Vernunftgeister, das witz- und pointenschweifige Diskursgeflacker einer aufgeklärten Dichter- und Gelehrtenrepublik präsentieren können als in dieser inspirierenden Verbindung? Lichtenberg, in diesem imaginären Säkulargespräch über Jean Paul reflektierend, hat Recht: "Eine solche Verbindung von Witz, Phantasie und Empfindung möchte wohl auch ungefähr das in der Schriftsteller-Welt sein, was die große Konjunktion dort oben am Planeten-Himmel ist." Schon kraft seiner Metaphernlust gerät der geistsprühende Göttinger Denkmeister daher mit Immanuel Kant in den Dialog, jenem vermeintlich idealistischen Apologeten der Erziehung des Menschengeschlechts. Spricht Lichtenberg: "Alles was der eigentlich weise Mensch thun kann, ist, Alles zu einem guten Zweck zu leiten und dennoch die Menschen zu nehmen, wie sie sind", so antwortet Kant: "Die Wissenschaften führen nicht natürlich zum Fortschritt, zum moralisch Besseren. Sie führen leicht zum Rückfall in Barbarei. Es ist moralische Gewißheit, daß alles zum Besseren hinwirke. Denn wenn wir auch keine theoretisch hinreichenden Gründe hätten, wenn die Politiker uns ganz andere Mittel anpriesen, so müssen wir doch so handeln, als ob das menschliche Geschlecht immer zum Besseren hinstrebe."

Vom "krummen Holze" namens Mensch, von jenem naturalen Mangelwesen also, das am Ende des Aufklärungsjahrhunderts mit Mühe seiner anthropologischen Skepsis und seiner kulturellen Desillusionierung Herr wird, ist hier in vielfältigster Spannung und Spannweite die Rede. Und gleichwohl ist nicht nur Kant einer der großen Projekttheoretiker alles Aufgeklärten. Das Jahrhundert der Vernunft und der Französischen Revolution werde sich niemals vergessen, weil jener Kampf um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit den "moralischen Charakter" des Menschengeschlechts, "wenigstens der Anlage", nach zum Ausdruck gebracht habe. An eine künftige "Weltrepublik" auf der Basis freier und gleicher Gesellschaften hat der Königsberger Philosoph zeitlebens geglaubt. Freilich konnte das seinem tiefen Misstrauen gegenüber der "selbstsüchtigen tierischen Neigung" der eigenen Spezies keinen Abbruch tun. Kant und Lichtenberg - sie waren und sind sich auf tiefsinnig vernünftige Weise einig.

Fluchträume aus der deutschen Spießerheimat

Witz, Fantasie und Empfindung der Aufklärer gehen also weder an gutmenschlichem Idealismus noch an grämlicher Melancholie zuschanden. Überaus anregend ist vielmehr die wohl bedachte und gewitzte Mitteilungsfreude ihrer intellektuellen Protagonisten. Meta Klopstock zum Beispiel berichtet in einem bewegenden Brief von ihren maritimen Malaisen zwischen Deutschland und Dänemark und von einem überraschend ironisch-zärtlichen Dichterehemann. Der schwäbische Rebell Schubart zeigt sich (wie nahe liegend im Grunde!) als einer der fantasievoll erzählenden Urväter des Schillerschen Räuberstoffes. Hingegen hat sich der Ästhetiker Moses Mendelssohn, und zwar zu theoretischen Demonstrationszwecken und Jahre vor Wieland und den Schlegels, des genialen Briten Shakespeare angenommen und eine wunderbare Hamlet-Übertragung vorgelegt.

Johann Joachim Bode wurde, empfindsam eingestimmt, zum schmiegsamen Nachbildner der mindestens ebenso erregenden Sterneschen Kunstprosa - allein durch den "Kunstkniff" des "natürlichen Klangs". Bode vor allem hat der englischen Literatur ein kontinentales Heimatrecht hierzulande verschafft. Wieland indes wettert subtil gegen jeden abstrakten "Patriotismus" im "großen Germanischen Nationalkörper". Weder in ihm noch in der kunstsinnigen Berliner (jüdischen) Geistesrepublik mag es Rahel von Varnhagen mehr aushalten. Jean Paul schließlich sucht Fluchträume aus der engen deutschen Vernunft- und Spießerheimat hinein in die poetischen "Milchstraßen von Einfällen", die ihm wiederum der (erkenntnis-) skeptische Ironiker Lichtenberg bewundernd attestiert. Keiner hat schließlich so kongenial von der Sterneschen Kunst der Abschweifungen gelernt und seinen Hunger nach Gegenwelten in den Luftzonen einer raum- und zeitentgrenzten Fantasie zu stillen vermocht wie der Fabulierer aus Wunsiedel. Doch gedachte er damit, so Lichtenbergs wohlwollender Anfangsverdacht, kein narratives "Tollhaus" in Szene zu setzen, sondern die gebrochene Weltordnung noch einmal aufleuchten zu lassen im "Zauber des uneingelösten Glücks"; aufgeklärte Poesie "hineingesprochen in die Schauder der Menschenverlorenheit". Das aber war schon Wortmusik der Aufklärung im Übergang zur Romantik. Allerorten lässt das Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts grüßen, wo von den aufblitzenden Diskursen und den dunklen Geistesnöten des 18. Jahrhunderts die Rede ist.

Mehr als schöne Naivität und rationales Verfügungsdenken also hat das unvergessliche Säkulum der Aufklärung zu bieten. Jene Vernunftära des 18. Jahrhunderts als eines der zentralen kulturellen und intellektuellen Geisteswetter der Moderne, zwischen aufstrebender Menschheitshoffnung und schrundigem Skeptizismus, ist in diesem höchst lesenswerten Buch zum Konzert einer lebendigen und vielstimmigen Gesprächs- und Reflexionskunst zusammengeführt worden. Solche Meister der Vergegenwärtigung des Vernünftigen dürfen mit Fug auf ihre künftige Gegenwart hoffen. Denn wer will nun ernsthaft vom witz- und gefühlsarmen Rationalismus des fernen 18. Jahrhunderts noch reden? "Wahrhaft unaffektiertes Mißtrauen gegen menschliche Kräfte in allen Stücken ist das sicherste Zeichen von Geistesstärke." Ohne diesen (abermals) Lichtenbergschen Leitspruch hätte Ernst-Peter Wieckenberg, scheidender Cheflektor im Beck Verlag, seine großartige Erkundungsarbeit in und an jenem unvergesslichen Säkulum nicht zu bewältigen vermocht. Gegen Ende des Buches wünscht ihm der kluge Popularphilosoph Christian Garve alle "Stärke des freyen Geistes", damit er durch "äußere Losspannung" den ehrwürdigen Zustand der Muße erreichen möge. Wir schließen uns wohl gelaunt und mit besten Wünschen an.