Wie das Land war vor 1990 auch die deutsche Geschichtsschreibung geteilt, nicht nur durch unterschiedliche Grundauffassungen, sondern auch durch Selbstbeschränkung. Die westdeutschen Historiker schrieben nur über die Bundesrepublik, die DDR überließen sie zwei Spezialisten; zwei Bücher über beide Staaten endeten 1960 und 1970. Die DDR-Historiker durften nur über die DDR schreiben. Erst 1987 erschien ein Band über die Geschichte der Bundesrepublik, und eine Geschichte Deutschlands nach 1945 konnte es nicht geben, weil es für die SED-Führung Deutschland nicht mehr gab.

Peter Graf Kielmansegg legt nun eine vergleichende Geschichte beider deutscher Staaten vor, ein großes Werk in seinem Umfang und in seiner Anlage. Der Autor hatte den Mut, alles zu bewältigen: Innen- und Außenpolitik, Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, Bundesrepublik und DDR. Der Quantität entspricht die Qualität. Kielmansegg bietet nirgendwo Stoff, den er nicht analysiert, in größeren Zusammenhang gestellt oder in seine leitenden Überlegungen eingeordnet hat. Und: Diese 600 Seiten sind gut geschrieben, ohne politologischen Jargon, in herrlicher Klarheit und Pointiertheit.

Graf Kielmansegg ist ein Politologe, daraus erklären sich manche Vorzüge und Nachteile. Wahrscheinlich gibt es kein Buch über die deutsche Nachkriegsentwicklung, das so durchdacht ist, so gedankenreich reflektiert. Bei fast jeder wichtigen Station fragt er, was Historiker sich meistens verbieten: Hätte es auch anders kommen können? Hätte Stalins Rechnung bei der Blockade West-Berlins aufgehen, also den Westen zum Verzicht oder wenigstens zur Vertagung der Weststaatsgründung zwingen können? Musste die sowjetische Besatzungszone zur Kopie des sowjetischen Modells werden? Wäre 1946 noch eine Vereinbarung über ein neutralisiertes Deutschland möglich gewesen? So fragt er durch das ganze Buch hindurch; und wenn er nicht fragt, so vermerkt er, dass es keineswegs selbstverständlich gewesen sei, dass es so kam, wie es kam.

Wohltuend wirkt Kielmanseggs Widerwille gegen Vorgänger, die zu wissen behaupten, was sie wegen der Quellenmängel gar nicht wissen können. Kielmansegg lässt offen, was er nicht entscheiden kann - "steht dahin" ist sein ständiger Ausdruck; öfter sogar als nötig, scheint mir, sagt er "vermutlich". Auch in seinen Urteilen bleibt er fast immer vorsichtig, nennt Gründe und Gegengründe und wägt ab. Sein Fazit erfreut durch kühlen Wirklichkeitssinn und praktische Vernunft, besonders eindrucksvoll in den ersten Kapiteln über die allmähliche Teilung Deutschlands und die Haltung der Westdeutschen dazu. "Von wirklichen Anstrengungen, sich handelnd gegen die Teilungsentwicklung zu stemmen, von gesamtdeutschen Aktionen gar, ist wenig zu berichten." Aber er klagt nicht an, sondern erklärt, warum das so war. Nicht zuletzt deshalb, weil der Westen "eine Zukunft auch ohne Einheit" hatte, während für den Osten, außer den Kommunisten, "alles an der Bewahrung der Einheit hing". Dazu passt die kluge Unterscheidung, Bonn habe nur eine Vereinigungsprogrammatik, aber nicht eine Vereinigungspolitik gehabt.

Gute Urteile auch über Adenauer und Schumacher. Der Kanzler gab der Westintegration absoluten Vorrang vor der Wiedervereinigung, aber damit gab er das Ziel der Vereinigung nicht auf. Schumacher hat alle Sympathie des Autors, weil er dem Osten entschieden absagte. Aber in der Art, in der er es tat, "wird doch auch früh schon eine Neigung des westlichen Deutschlands zum Rückzug auf sich selbst sichtbar, die nicht nur Beifall verdient".

Die deutschen Ostprovinzen, stellt Kielmansegg fest, waren schon seit 1946 verloren, und für keine Siegermacht war "die Einheit Deutschlands ein Wert an sich". Aber 1990 gebot amerikanisches Interesse, die deutsche Vereinigung entschlossen zu unterstützen, denn Washington wollte "sich Deutschland als Basis der amerikanischen Präsenz in Europa, geografisch wie politisch, sichern". "Nur Deutschland", schreibt Kielmansegg, "kam für diese Rolle in Betracht." Wer so sachlich denkt, musste auch mit der schönen Legende Schluss machen, Gorbatschow habe im Juli 1990 Kohl das entscheidende Zugeständnis gemacht, das vereinte Deutschland dürfe der Nato angehören. Er hatte es, sagt Kielmansegg, "eher den Amerikanern als den Deutschen gemacht", nämlich schon am 31. Mai beim Gipfeltreffen in Washington. Wie sollte es auch anders sein: Alles Wesentliche in Europa hing seit 1945 von Amerikanern und Russen ab. Kohls Verdienst schmälert das nicht, er konnte nur in dem Rahmen agieren, den die beiden Großmächte setzten.

Aus den Vorzügen folgen fast unvermeidlich die Schwächen. Wo so viel reflektiert wird, kann nicht mehr richtig erzählt werden. Streckenweise bekommt der Leser den Eindruck, nicht eine historische Darstellung, sondern eine Kette von Problemerörterungen vor sich zu haben. Sie sind immer klug, aber die Ereignisse verlieren sich zuweilen in den Erwägungen. Das ist belanglos für Leute, die das meiste schon wissen und es nun besser verstehen wollen. Zu fürchten ist aber, dass der Gewinn an Niveau mit einem Verlust an Lesern erkauft wird.