Hannover

Vermutlich wäre Deutschland in den letzten Jahrzehnten auch ohne Christian Pfeiffer einigermaßen über die Runden gekommen, aber sicher ist das nicht. Dieser Eindruck kann jedenfalls entstehen bei einer Begegnung mit dem Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, der in vier Wochen der neue Justizminister des Landes werden wird.

Dass die Jugendkriminalität in den Achtzigern nicht stärker gestiegen sei, führt der Kriminologe auf sein Münchner Modellprojekt mit jungen Straftätern und seine Arbeit als "Fortbilder der Nation" in der Jugendgerichtshilfe zurück. Das Gesetz gegen die Vergewaltigung in der Ehe? Vom Bundestag beschlossen unter dem Eindruck seiner Forschungsergebnisse, die er dem Parlament bei einer Anhörung präsentierte. Die Abschaffung des elterlichen Züchtigungsrechtes, die Anfang kommenden Jahres in Kraft treten wird? Ebenso. Und nun, da alles verzweifelt nach der "Zivilgesellschaft" ruft, die sich den Banden der rechten Schläger in den Weg stellen solle, wer hilft ihr da auf die Beine? Die Bürgerstiftung Hannover, ein karitatives Netzwerk nach amerikanischem Vorbild mit mittlerweile 17 Ablegern in anderen deutschen Städten - Gründer: Christian Pfeiffer.

Wahrscheinlich stimmt das alles, man muss es neidlos anerkennen. Jedenfalls neigt der Mann nicht dazu, sein unbestreitbar helles Licht unter den Scheffel zu stellen. Darum dürfte Ministerpräsident Gabriel ihn jetzt in seine Landesregierung holen: in der Hoffnung, es möge ein wenig von diesem Licht auch auf ihn selbst fallen.

Wer viel tut, macht Fehler. Können Sie sich an einen Fehler erinnern, Herr Pfeiffer? Langes Schweigen. Seltsam, wie schnell dieser Wissenschaftler ein Fehlurteil in einer heiß umstrittenen Frage vergessen hat. Jahrelang war er der Kronzeuge der Linken und Liberalen im Streit um die Ausländerkriminalität. Sie wiege, so Pfeiffer damals, nicht schwerer als die der Deutschen, sofern nur Täter gleichen Geschlechts und Alters in gleicher sozialer Lage verglichen würden. Inzwischen ist er von dieser These abgerückt - und hat bahnbrechende Forschungsergebnisse zu "importierten Machokulturen" und der Gewalttätigkeit junger Türken veröffentlicht. Als Wissenschaftler, sagt er, habe er ja die Freiheit, ein falsches Urteil zu korrigieren.

Als Minister wird er sich solche Fehler nicht erlauben können. Das ist ihm wohl bewusst, und vielleicht liegt es daran, dass er wie ein Politiker spricht, wenn er nach seinen Plänen in der Landesregierung gefragt wird. Vom Zuhörenkönnen und vom Lernen ist dann die Rede und von viel Geduld, die man haben müsse. Bloß nicht anecken, nicht schon vor der Amtseinführung.

Aber Disziplin ist nicht das Wichtigste, was von diesem Justizminister erwartet wird. Gabriel, das hat er inzwischen bei etlichen Gelegenheiten gesagt, denkt an den nächsten Wahlkampf, und da konnte er einen besseren als Pfeiffer unmöglich finden. Kreativ, kenntnisreich und medientauglich, mit fast 100 Fernsehauftritten pro Jahr, scheint er die perfekte Waffe im Kampf um Stimmen. Sein Eintreten für die Kronzeugenregelung dürfte ihm unter Konservativen Sympathien verschaffen, ebenso seine Auftritte als Laienprediger. Im grünen Lager wird man seine Bekenntnisse zur Frauenbefreiung und die Kritik an der deutschen "Winner/Loser-Kultur" gern hören.