Anzumerken ist ihm noch nicht, dass er demnächst wahrscheinlich der mächtigste Gewerkschaftsboss der Welt sein wird. Frank Bsirske gönnt sich daheim einen halbwegs ruhigen Sonntagnachmittag, vermutlich auf Jahre hinaus den letzten. Pullover, Bartstoppeln, eine Kanne Tee auf dem Tisch im Dachzimmer der neu eingerichteten Maisonettewohnung in Hannover-Waldhausen. Ein paar Blätter mit Notizen für seine Abschiedsrede als Personaldezernent der Stadt Hannover. Später am Nachmittag will er sich ans Telefon hängen. Seine Frau hat ihm deutlich mehr Zettel mit Rückrufnotizen auf die Dielenkommode gelegt als sonst. Macht aber nichts. Reden, Schreiben und Telefonieren sind Unterdisziplinen von Frank Bsirskes Lieblingsbeschäftigung: Kommunizieren.

Vergangenen Donnerstag hat er mit einer Rede, die viele als packend empfunden haben, auf dem ÖTV-Gewerkschaftstag in Leipzig die Delegierten dazu gebracht, ihn mit 95 Prozent der Stimmen zum neuen Vorsitzenden der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr zu wählen. Seinen Text hatte er in aller Eile schreiben müssen, denn 24 Stunden vor seinem Auftritt wusste er noch nicht, dass er ÖTV-Chef werden sollte; und kaum einer der Delegierten kannte ihn: Bsirske? Wer ist das?

Herbert Mai hingegen, den amtierenden Gewerkschaftsvorsitzenden, glaubte jeder zu kennen. Und doch gelang es Mai, die Delegierten wenigstens ein einziges Mal so richtig zu überraschen: mit seinem Rücktritt. Mai zog die Konsequenz daraus, dass ihm die Delegierten nicht mit der erwünschten Stimmenmehrheit die Bereitschaft zur Fusion der ÖTV mit vier weiteren Gewerkschaften zur großen Dienstleistungsgewerkschaft Verdi signalisierten.

Dieser unerhörten Entscheidung verdankt Bsirske seine neue Aufgabe: das größte und dringendste Modernisierungsprojekt der deutschen Arbeiterbewegung ins Werk zu setzen. Seltsamerweise sind seine Erfolgsaussichten gar nicht so schlecht. Der Mann, den bis zur vergangenen Woche kaum jemand kannte, lässt jedenfalls keinen Zweifel daran zu, dass er im nächsten Jahr auch Chef von Verdi werden will, der mit 3,2 Millionen Mitgliedern größten Gewerkschaft der Welt.

Vorher muss er nur noch ein paar Fehlwahrnehmungen ausräumen. Zum Beispiel die, dass die Gewerkschaft ÖTV ein chaotischer, zur Erneuerung unfähiger Verein sei. Oder die, dass nur ein Sozialdemokrat in Deutschland eine große Gewerkschaft führen könne - Bsirske ist Mitglied der Grünen. Zuerst aber wird er sich dem Irrtum widmen, der neue ÖTV-Chef sei nur ein No Name aus der Provinz.

Was dagegen spricht, sind nicht so sehr die einfachen Fakten aus Frank Bsirskes Vita. Wohl aber die Interpretation dieser Fakten, die er selber liefert. Bsirske hat mit einer Reihe Gleichgesinnter in den vergangenen zwei Jahrzehnten den ÖTV-Bezirk Niedersachsen systematisch aufgerollt. Wer Bsirske wahrnehmen wollte, konnte das - fünf Jahre lang war er allein schon als Grüner ein Farbtupfer im ÖTV-Hauptvorstand. Ganz so überraschend war es deshalb nicht, dass der hannoversche Bezirkschef Horst Fricke vergangenen Mittwoch Bsirske aus dem Hut zog, als keiner der Bezirksfürsten für die Mai-Nachfolge kandidieren mochte. "Unter den Aktiven in der ÖTV", sagt Bsirske, "kennt man sich natürlich, auch wenn nicht jeder im Rampenlicht steht. Und wir haben in den neunziger Jahren über die Bezirksgrenzen hinweg Vernetzung betrieben."

Dass Bsirske 1997 die Seiten gewechselt hat und als Personal- und Organisationsdezernent ins Arbeitgeberlager gegangen ist, nimmt ihm niemand übel. "Ich habe auch als Dezernent an Warnstreikaktionen teilgenommen. Und für uns Gewerkschafter muss es zum Tagesgeschäft gehören, Verantwortung zu übernehmen. Sonst machen das die anderen."