Die letzten Jahre müssen für Rainer Klimmt nicht unbedingt seine besten gewesen sein. Als Präsident des Fußballclubs 1.FC Saarbrücken erlebte er den Abstieg seiner Mannschaft in die Regionalliga, dann verlor er die Wahl im Saarland und schließlich brach Chaos um die Deutsche Bahn über ihn herein. Und nun ließ ihn Schröder auch noch fallen, glaubt man der FAZ: "Die SPD Abgeordneten sind erleichtert (...), dass Schröder sich doch noch entschließen konnte, seine Fehlbesetzung wieder aus dem Verkehr zu ziehen." Die taz sieht das naturgemäß etwas anderes und mäkelt an der Standfestigkeit des Kanzlers herum: "Niemand von denen, die Klimmt zum Rücktritt gedrängt haben, unterließ in diesem Zusammenhang den pflichtschuldigen Hinweis auf die Unschuldsvermutung, die auch für Politiker gelten müsse. (...) Das ausschließlich taktische Argument, dem zufolge die SPD es im Falle eines Prozesses gegen Klimmt im Untersuchungsausschuss zur CDU-Affäre schwerer haben wird, zeugt von alarmierend geringem Respekt vor rechtsstaatlichen Prinzipien." Einen dicken Hals hat man offensichtlich bei der Frankfurter Rundschau. Die Kollegen schreiben im Kommentar: "Klimmt war so kompetent wie die Landpomeranze nach der Führerschein-Prüfung, die aus Versehen als Erstes ins Kesseltreiben eines großstädtischen Kreisverkehrs steuert." Warum sie das meinen, schreiben sie zwar nicht, dafür befürchtet man, dass das Image des Kanzlers in den letzten Tagen Schaden genommen habe könnte: "Das Versagen des sonst so sicheren Instinkts verlängert den bedrohlichen Schatten, der wegen des Renten-Gehampels, des Hauruck-Verfahrens zur Entfernungspauschale und des Knatsches mit dem Koalitionspartner das unlängst noch strahlende Bild der Regierung mittlerweile verfinstert." Die Bild bringt Schröders Problem etwas klarer zum Ausdruck: "Keine Personaldebatte so der Kanzler noch am Mittwoch. Gestern dann der Rücktirtt des Verkehrsministers. Führungsstärke sieht anders aus, Herr Bundeskanzler."

Ungefähr das gleiche dürften sich die Amerikaner über ihre beiden Präsidentschaftskandidaten denken. So langsam gehen beiden Seiten die Argumente für oder gegen eine Handzählung der Stimmen in Florida aus, also trifft man sich vor Gericht. Auch keine besonders schöne Art, seine Präsidentschaft zu beginnen. "Ein Präsident auf tönernen Füßen wird auch außerhalb der USA nicht ernst genommen. Er könnte deshalb in einer Krise in die gefährliche Versuchung geraten, viel zu früh die Mittel der Macht statt der Diplomatie in Erwägung zu ziehen, um sich den Respekt zu verschaffen, den er jetzt in Florida gerade verspielt." Schreibt die Süddeutsche. Der Tagesspiegel hat immerhin schon mal einen moralischen Sieger ausgemacht: Al Gore. "Wenn Gore sagt: Lass uns doch abwarten, bis alle Stimmen in Florida per Hand nachgezählt sind, ich werde das Ergebnis akzeptieren - dann klingt das nach Fairness, Gerechtigkeit und Souveränität. (...) Bush steht da als ein Egoist und Nein-Sager." Die Süddeutsche attestiert dem Sohn des Ex-Präsidenten eine gewisse Unfähigkeit in Konflikten: "Der Streit eskaliert in einer Weise, als seien dem Texaner Bush und seinen Gefolgsleuten außer der Schießerei im Saloon, sprich: der harten Konfrontation, keine anderen Formen der Konfliktlösung bekannt." So langsam wird diese Wahl, bzw. Nicht-Wahl zu einer Posse, die die USA teuer zu stehen kommt. Die Welt spricht von einem "(...) Desaster, das mit jedem Tag und jeder Stunde, in denen die Anwälte herrschen, an Würde verliert und an abstoßendem, hechelndem Voyeurismus gewinnt."

Jubel herrschte dagegen gestern in den Vorstandsetagen einiger Internet- und Telefonie-Anbieter. Hatte doch die Regulierungsbehörde festgestellt, das die Telekom anstatt eines Minutenpreises eine Großhandelsflatrate anbieten muß. Bisher kassierte die Telekom rund 1,5 Pfennig pro Minute, damit Fremdanbieter die letzten paar Meter Kabel zum Kunden benutzen dürfen. Demzufolge ist ein Minutenpreis unter 2 Pfennig für die meisten Internetbetreiber finanzieller Selbstmord. Die Telekomtochter T-Online wiederum muß diese Gebühr zwar auch zahlen, doch die Verluste werden von der Konzermutter wieder aufgefangen. Nur so ist die Telekom in der Lage, eine Endkunden-Flatrate anzubieten. Die Welt freut sich: "Die Entscheidung der Regulierungsbehörde stellt zweifellos einen wichtigen Etappensieg für verstärkten Preiswettbewerb zwischen den Online-Diensten dar. Aber allem Anschein nach wird es noch lange dauern, bis dieser Sieg auch in die Praxis umgesetzt werden kann. Der Surfer wird sich gedulden müssen." Denn Herr Sommer, seines Zeichens Chef der Telekom, will sich dem Verdikt nicht beugen. "Wenn die Telekom den Wettbewerbern eine Großhandelsflatrate anbieten muß, weil T-Online für die Endkunden eine Flatrate von 79 Mark hat, dann stellen wir sie ein," zitiert die FAZ den streitbaren Manager. Mal abgesehen von dem etwas merkwürdigen Verständnis, dass man mit Kundenverträgen offenbar verfährt, wie man gerade lustig ist, muß sich die Telekom gar nicht beklagen, meint das Handelsblatt. Immerhin kann Sommer den Preis der Flatrate für die Konkurrenz ja selbst festlegen.

Überhaupt: Realitätsverschiebung. Genau wie Ron Sommer jammert, mault die Bild auf Seite Eins. Da hat sich doch der ehemalige Tennisprofi Michael Stich laut Bild eine unglaubliche Sauerei erlaubt. Weder er noch seine Frau haben dem Boulevardblatt erzählt, das man sich getrennt hat. Und das schon im letzten Frühling. Unverschämtheit. Dabei habe man ihn sogar gefragt und er hat gelogen und behauptet, alles sei gut. Alles falsch. "Herr Lügen-Stich" titelt nun Bild, und schreibt weiter: "Michael Stich ging sogar öffentlich Bild Chefredakteur Udo Röbel an." Jetzt hat Stich die Quittung. Die Bild beklagt vor einem Millionenpublikum, das der böse Herr Stich seine Ehekrise nicht öffentlich ausgelebt hat. Eine schöne Schlagzeile ist den Bild Redakteuren da durch die Lappen gegangen. Jetzt kann Herr Stich sehen, wie er mit dieser tiefen moralischen Schuld, sein Privatleben für sich zu behalten, fertig wird.

(jd)

ausgewertet: FAZ, FR, SZ, Welt, Bild, Tagesspiegel, taz, Handelsblatt

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