Altkanzlers Selbstrechtfertigung

"Helmut Kohls Tagebuch der letzten beiden Jahre ist eines der wichtigsten, sicherlich aber das mit der größten Spannung erwartete Buch in diesem Herbst", jubelt Kommentator Johann Michael Möller in der "Welt" – passend zum exklusiven Vorabdruck von Auszügen des Werkes. Fragt sich nur, für wen. Etwa für die Unionsparteien? "Mit Kohls Bekenntnissen ist die CDU wieder im Selbstfindungsprozess angelangt", frotzelt die Taz aus Berlin. Oder für Freunde, Feinde und Außerirdische? "Kohls Welt: ein Paralleluniversum", entdeckt der "Tagesspiegel" und findet sein Tagebuch interessant – für "weitere Untersuchungen" zumindest.
Allein für seinen Bankmanager dürfte der Ex-CDU-Chef jedenfalls kaum zum Diktiergerät gegriffen haben. "Der ehemalige SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine soll allerdings für den Vorabdruck seines Werkes "Das Herz schlägt links" mehr Geld vom Springer Verlag bekommen haben, als jetzt Helmut Kohl", meldet die "Süddeutsche Zeitung". Möglicherweise liegt das aber auch daran, dass nicht wirklich viel drin steht. Wer Kohl mit generösen Spenden die Ausübung von Macht erleichtert hat, wird man den Aufzeichnungen sicherlich nicht entnehmen können. "Wohl aber ermöglichen sie Einsichten, wes demokratischen Geistes der Mann ist, der uns eine Generation lang regiert hat", urteilt die Frankfurter Rundschau. Und Autor Hans Leyendecker hat einen passenderen als den eigentlichen Titel für das Buch des Altkanzlers gefunden: "Die innere Zerrissenheit des Helmut K.", lautet die Headline seiner Analyse in der SZ.

Union und Asylrecht

Zerrissenheit ist es auch, was die Unionsparteien bei der Diskussion um eine Änderung des Asylrechts derzeit in der Öffentlichkeit demonstrieren. Fordert die CSU um ihren Vorsitzenden Edmund Stoiber eine institutionelle Garantie, weisen Bundeskanzler Gerhard Schröder, Grüne, FDP und sogar einige Christdemokraten jeden Versuch zurück, am aktuellen Asylrecht zu rütteln. "Immerhin, die Reflexe funktionieren", kommentiert die "Frankfurter Rundschau" die ungewohnte Einigkeit und stellt sachlich klar: "Flüchtlinge des Rechtsschutzes zu berauben, wie es den Hardlinern in der CSU anscheinend vorschwebt, hieße die Genfer Konventionen aufkündigen".
Aber von wegen Einigkeit: Weist der Vorsitzende der CDU-Zuwanderungskommision Peter Müller die Forderung Stoibers zurück, unterstützt Fraktionschef Friedrich Merz sie nachhaltig. Wer nun auf rasche, klärende Worte von Angela Merkel hofft, sah sich bisher getäuscht. Die CDU-Parteichefin war Gastrednerin auf dem Parteitag der CSU am Wochenende und wurde dort begeistert gefeiert. Kein Wunder, buhlte sie doch recht freimütig um die Sympathie der Delegierten. "Merkel reüssiert in der Disziplin Wadelbeißen", übertitelt die FAZ einen Artikel dazu. Eine "Penetrante Inszenierung" sieht dagegen Taz-Autorin Bettina Gaus in Merkels Auftritt. Und eine Demonstration größtmöglicher inhaltliche Unschärfe war das Ganze für den "Tagesspiegel": "Die Wir-Gesellschaft hieß ihr letzter Grundsatzartikel". Das hätte von Schröder stammen können, oder von den Grünen. "Aber auch von Inge Meysel", so die Berliner.

Patent für Mischwesen

Apropos darstellen: Stellt das Foto auf der Titelseite der heutigen Taz nun eine Maus dar, so wie es den Anschein hat, oder doch etwas ganz anderes? "Menschmaus patentiert" heißt es darüber – nach Informationen von Greenpeace hatte ein australisches Unternehmen ein Patent für Mensch-Tier-Mischwesen beim Europäischen Patentamt beantragt – und erhalten. Damit ließen sich "Mixturen aus Menschen, Mäusen, Vögeln und Fischen züchten", so die Taz weiter in ihrer Berichterstattung. Ob die abgebildete Maus aber tatsächlich laut Taz 31 Prozent Mensch enthält, darf bezweifelt werden.

(mp)