Zum ersten: Bei der Bezeichnung "Tagebuch" handelt es sich um eine Art literarischen Etikettenschwindels. Wenn das Wesen – und der Reiz – des Tagebuchs darin liegt, dass der Autor es eben wirklich täglich weiterführt, ihm also Eindrücke und Einsichten anvertraut, so wie sie sich ihm selber am selben Tage (ohne Vorauswissen des Kommenden) spontan einstellen, wenn also der Reiz eines Tagebuches im Bruchstück und in der tagtäglichen Fortentwicklung der Bruchstücke begründet ist – dann ist das nie und nimmer ein wirkliches Tagebuch. Das meiste, was in dieses Buch hineingeschrieben wurde, entstand nicht in den täglichen oder nächtlichen Notizen Tag für Tag – und all das, was Helmut Kohl jeweils am Ende eines jeden Abends wusste und dachte, wurde nicht in dieses Buch hineingeschrieben. Also, bei allem Respekt: Dies ist kein Tagebuch, zunächst Schritt für Schritt zur intimen Selbstreflexion geschrieben – sondern es handelt sich um eine im Rückblick ans Publikum gerichtete Selbstrechtfertigung. Soviel zum Wesen des Tagebuchs im Allgemeinen und zur literarischen Gattung im Besonderen. – Man muss dies bei der Lektüre immer im Bewusstsein behalten, denn …

Zum zweiten: Es gibt in diesem Prozess "Parteispendenaffäre" keine Entwicklung des Autors – weil er eben alles vom Ende her sieht. Da hier aber zu sagen ist: Wie es war im Anfang, so auch immerdar…, weil also Helmut Kohl in dieser Sache an seinem Fixpunkt unverrückbar festhält (Ich nenne die Spender nie!), hat er gar kein Gespür für Entwicklung und Dynamik des Falles – obwohl doch gerade dieses Beharren überhaupt erst die unbeherrschbare Dynamik der Explosion ausmacht; und zwar weniger für ihn, als für alle anderen, die nach ihm die CDU zu führen und zu repräsentieren hatten. Dass die CDU unter diesen Umständen nicht weiterleben konnte, ohne sich von ihm zu trennen – es will ihm nicht in Kopf und Herz. Helmut Kohl, das jedenfalls entnimmt man den Texten schon, glaubte (und glaubt offenbar immer noch!) allen Ernstes, die Sache könnte folgendermaßen "geregelt" werden:
Die CDU erklärt sehr früh, Helmut Kohl solle die Spender nennen – sie erkläre aber im gleichen Atemzuge, wer Helmut Kohl kenne, der wisse, dass er dieser Aufforderung nicht folgen werden. Basta! – Mit anderen Worten, Helmut Kohl verlangte von seiner Partei eine durch und durch schizophrene Erklärung, nämlich die Aufstellung einer Forderung und gleichzeitig die öffentlich erklärte Hinnahme ihrer Nicht-Erfüllung (Wer Helmut Kohl kennt...) – und Helmut Kohl glaubt bis auf den heutigen Tag, damit wäre die Welt zufrieden gewesen.

Zum dritten: Unter dem Dach dieser abenteuerlichen Konstruktion nun einige Details: Helmut Kohl hält Angela Merkels "Scheidebrief" (Die CDU müsse ihren künftigen Weg ohne Kohl gehen) für eine zwischen ihr und Wolfgang Schäuble vorher abgesprochene Intrige, nicht für eine Einzelaktion von Angela Merkel. Sein Anhaltspunkt: Schäuble habe ihm dazu keine eindeutige Auskunft gegeben. Merkwürdig: Kohl erwartete offenbar zu diesem Zeitpunkt immer noch einen dienstbaren Schäuble, der seinem Herrn immer alles brav und komplett (und nur am Interesse des Chefs orientiert) rapportiert – während er selber Schäuble gegenüber einen solchen Dienst niemals geleistet haben würde.

Zum vierten ein weiteres Detail: Helmut Kohl räumt ein, dass er mit seinem legendär erregten (vor allem aber: aufgeregten) Zwischenruf im Bundestag, während einer Rede von Peter Struck (wir alle sehen den Alt-Kanzler noch an dem neumodischen Mikrophon zerren…) – dass er mit dieser Intervention einen Fehler gemacht hat, und gewissermaßen die Jagdinstinkte seiner Gegner erst völlig freigesetzt hatte. Damit kommen wir aber an das eigentliche, immer noch ungeklärte Geheimnis der gesamten Affäre: Warum hat denn Helmut Kohl überhaupt eingestanden, illegale Spenden angenommen zu haben – da doch niemand bis dato ihm derartiges unterstellt hatte, und da das, was ihm stattdessen unterstellt worden war (Panzer gegen Parteikasse) bis heute ihm zulasten nicht bewiesen wurde?

Woher dieser Geständniszwang? Wir wissen es bis heute nicht – und erfahren es auch nicht aus dem Tagebuch, jedenfalls nicht bis heute.