Aber die Union hat nun ein Problem. Denn irgendwie ist in die Presse gesickert: Angela Merkel soll im Jahre 2002 für die CDU/CSU bei der Bundestagswahl antreten. Kaum ist das Leck aufgetreten, wird es schon krampfhaft abgedichtet: Über die Frage einer Kanzlerkandidatur solle frühestens zu Beginn des Jahres 2002 entschieden werden.

Es geht in diesen Bemerkungen nicht um die Frage, ob Angela Merkel die richtige Kandidatin wäre. Das soll auch nicht bezweifelt werden. Man fragt sich nur angesichts des Gemaules in der CDU über die neue Führung nach Schäuble, ob die Partei überhaupt an einen Sieg glaubt, und deshalb die Ansage: "Angela soll es machen!" ein Vertrauensbeweis ist - oder der Versuch, auf durchtriebene Weise ein Plebiszit über die ungeliebte Führung herbeizuführen. Ja, es ist sogar die Frage, ob am Ende es niemand so recht machen will, wenn die Kampagne als aussichtslos erscheint; dann könnte Frau Merkel ja Edmund Stoiber auffordern (etwa mit der Bemerkung, der Beste müsse es machen - und sie wolle keinesfalls dabei im Wege stehen) - und Stoiber müsste in der Stunde der Not entweder Nein sagen, sich also auf diese Weise verweigern und selber für alle Zukunft aus dem Spiel nehmen, oder antreten und verlieren und - s.o. Auch ganz schön durchtrieben, ein solches Kalkül!

Nein, um all dieses geht es hier nicht, sondern um das Grundsätzliche: Eine Partei, die nicht so früh wie möglich eine Person präsentiert, von der sie nicht nur selber geführt wird, sondern von der sie zugleich sagt: Das ganze Land soll von ihr regiert werden! - eine solche Partei glaubt weder an ihre Führung noch an sich selbst. Was heißt das, die Frage wird bis kurz vor dem Wahlkampf aufgeschoben? Darauf gibt es nur eine doppelte, eine alternative Antwort: Entweder ist man sich nicht einig, hinter wem man sich scharen will (Lafontaine oder Schröder, Merkel oder Stoiber oder...) - oder man befürchtet, die einzig in Frage kommende Person werde unter dem Erwartungsdruck zerrieben, wenn man sie zu früh präsentiert. Manchmal kommen sogar beide Gründe zusammen: Weil man nicht weiß, wer dem Druck aushalten soll, kann man sich nicht zwischen zwei, drei wenig aussichtsreichen Personen entscheiden - und schiebt deshalb die Entscheidung bis zum letzten möglichen Termin auf.

Nur die Regierungspartei hat dieses Problem nicht: Sie muss zu ihrem Regierungschef stehen, sie muss und darf während seiner Amtszeit nicht über Alternativen diskutieren. Manchmal steht sie deshalb viel zu lange zu ihrem Regierungschef, siehe die Union und Helmut Kohl - und hat deshalb hinterher (siehe oben!) niemanden, den sie mit voller Überzeugung präsentieren kann. Mit einem Riesenkorn Salz kann man deshalb mit Wilhelm Busch behaupten: Kanzler bleiben, ist nicht schwer - Kandidat zu werden aber sehr.