Brüssel

Wir schreiben das Jahr 2003. Israel und Palästina haben gerade ein Friedensabkommen unterzeichnet: In den umstrittenen Gebieten soll, bis zu einer endgültigen Einigung, eine internationale Truppe Streife gehen. Die Soldaten, die auf dem Militärflughafen Uvda bei Eilat landen, tragen auf dem Ärmel weder den Vierzackstern der Nato noch die lorbeerumkränzte Weltkarte der Uno, sondern einen Kreis von gelben Sternen auf tiefblauem Grund: Es sind Truppen der Europäischen Union.

Utopie? Nun ja, kann sein, dass Israel und Palästina länger brauchen. Die EU hingegen ist entschlossen, bis 2003 ein eigenes Krisenreaktionskorps marschbereit zu haben: 50 000 bis 60 000 Mann, plus 5000 Polizisten. Der Plan, beschlossen auf dem Kriegsgipfel der EU zu Köln im Juni 1999, ist seitdem mit Hochdruck vorangetrieben worden.

Ein Plan, wie gesagt. Doch in der kommenden Woche wird es ernst damit. Die Europäer müssen dann zeigen, ob sie bereit sind, ihrer Rhetorik Taten folgen zu lassen: Die Außen- und Verteidigungsminister der EU treffen sich in Brüssel zu einer sogenannten Beitragskonferenz, um zu verkünden, wie viele Soldaten, welche Waffen und was für Material jedes Land der EU-Truppe zur Verfügung stellen kann. Schon 14 Tage später soll ein EU-Regierungsgipfel in Nizza den politischen Leitungsgremien der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) endgültige Gestalt geben. (Einen Etappensieg für Berlin gab's schon davor: Den Militärstab der Union leitet künftig der deutsche Generalleutnant Rainer Schuwirth.)

Das wird noch spannend, denn es steht einiges auf dem Spiel. Unvergessen ist das Debakel von 1954: das erste und letzte Mal, dass sich europäische Staaten vornahmen, Europa mit einer Truppe zu versehen - vergebens. Das Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft warf die Integration Europas um Jahre zurück.

Militärfragen sind Machtfragen. Und Prestigefragen, also mehr als heikel. Umso nervöser reagieren Diplomaten auf die ersten Irritationen. In der ersten - vertraulichen - Melderunde Anfang September legten die Franzosen die Liste ihrer Militärbeiträge erst auf den Tisch, nachdem die anderen EU-Staaten ihre Angebote bereits abgegeben hatten - und siehe da, Frankreich trumpfte auf und bot bei allen Posten ein wenig mehr als die anderen. "Das wollen wir in Brüssel vermeiden", sagt ein Planer grimmig, "dass ein Land plötzlich aufsteigt wie ein Phönix und die anderen stehen dumm da."

Warum so viel Gereiztheit, wo Europas Truppenpläne sich doch eher bescheiden ausnehmen? Die kollektive Verteidigung bleibt schließlich Sache der Nato, Europa beschränkt sich aufs Krisenmanagement, und schon gar nicht geht es darum, eine Euroarmee aufzustellen; es soll nur jeder Staat ein paar Einheiten für europäische Einsätze in Bereitschaft halten - was 11 der 15 EU-Mitglieder ja schon in der Nato tun. Der Großteil der designierten EU-Truppen wird sogar gleichzeitig der Allianz zugeteilt sein. Und nicht zuletzt hat die EU der Nato ein right of first refusal versprochen: Die Eurotruppen rücken nur aus, wenn die Nato sich nicht engagiert.