Gewiss hat Dieter Hildebrandt an Loriots leutseligen Sketch gedacht: Wie transportiere ich das Klavier in die Wohnung des 20. Jahrhunderts? Wie viele Anläufe muss ich nehmen, um das sperrige Möbel in neue Räume zu schleppen? Wie oft heißt es vor und zurück zu einem exaltierten virtuosen Zeitalter, dessen Nervenkitzel Hildebrandt in seinem gepriesenen Buch Pianoforte oder Der Roman des Klaviers im 19. Jahrhundert bewegt und beweglich beschrieben hat?

Nun betritt der Spediteur abermals ein weites Feld, abermals ist es ein ganzes Jahrhundert. Wieder steht einzig das Klavier in Hildebrandts literarischem Lieferwagen, und wieder kommt er als dicker Schmöker daher. Doch erweist er sich als vielfarbiges, aus zerrissenen Einzelteilen geschneidertes Patchwork herrlicher Anekdoten, brisanter Zeitenwenden, beißender Blitzlichter, unvergesslicher Begebenheiten. Diese Collage ist so sprunghaft und unberechenbar wie das Säkulum, das ihre Klammer bildet. Hildebrandt hat wenig Zeit und noch weniger Raum, pianistischen Alltag oder gar das Kontinuum der Musikpraxis auf 88 Tasten zu notieren; derlei behandelt er essayistisch am Rande. Enzyklopädischer Anspruch ist ihm ohnedies fremd. Also verlegt er sich auf das, was er hinreißend kann: Er erzählt Geschichten. Und er wiederholt eine Liebeserklärung, indem er schon im Titel zu stiller Aufmerksamkeit mahnt: Piano, piano! Der Roman des Klaviers im 20. Jahrhundert.

Über jedem Beginn hängt eine Erblast, hier ist es das 19. Jahrhundert mit seiner Gloriole aus Aura, Salon, privater Versponnenheit und öffentlicher Grandezza. Die Romantik und die Pfundnoten der Tonalität beschweren auch das Klavier wie Bleigewichte. So gehören denn die ersten Kapitel Hildebrandts einzig der Frage, wie das Klavier dieser Fesselungen entwunden wird und ob der "neuen Epoche mit dem Klavier nicht nur ein Instrument, sondern schon ein Mythos zu hoffentlich treuen Händen übergeben" werden kann.

Die Musikgeschichte hat Hildebrandt diese Fragen dankbar und überreich beantwortet, doch musste der Autor seinen Horizont durchlässiger gestalten, als es zuvor der Fall sein konnte. Zu Zeiten Schumanns, Brahms', Chopins und Liszts wurde das Klavier zuerst behütet, dann erzogen, erlebte es seine stürmische Pubertät. Die Wanderjahre des 20. Jahrhunderts führten es auch in die Ferne. Gebannt beschreibt Hildebrandt die umstürzlerischen Wechselwirkungen, die etwa der in Amerika geborene Ragtime diesseits des Ozeans auslöste. Er bedeutete eine Initiation, die an Hindemith oder Strawinskij nicht spurlos vorbeigehen konnte.

Die Erweiterung des Bewusstseins, was aus einer kalten, schwarz glänzenden Apparatur herauszuholen war, führte zu erstaunlichen Ergebnissen, und sogleich erweist sich Hildebrandt als zuverlässiger Protokollant einer Novität - als nämlich der Maschine Klavier eine weitere Maschine vorgeschnallt wurde, das player piano. Der Amerikaner Conlon Nancarrow wusste es raffiniert und ekstatisch zu nutzen, indem er den Pianisten durch die unmenschliche Integration absurder Spieltempi und Akkordballungen notgedrungen überflüssig machte. Die Lochkarte übernahm später ähnliche Pflichten zur Wiedergabe; andersherum stellte etwa das Welte-Mignon-Reproduktionsklavier für Pianisten die ideale Möglichkeit dar, ihr Spiel gleichsam in erster Instanz zu verewigen.

Die musikalische Welt gewinnt brennend an Leuchtkraft

Das 20. Jahrhundert bescherte der Musik fortgesetzte Abschiede. Der revolutionärste war sicherlich das Adieu, das Atonalität und Zwölftontechnik jener Tradition zuriefen, aus der beide nur unter enthusiastischen Schmerzen entbunden worden waren. Später kamen serielle Techniken, das "präparierte Klavier" und die Aleatorik hinzu. Hildebrandts Problem war gewiss: Wie beheimate ich das Klavier in solchem abstrakten musikgeschichtlichen Milieu? Hier lässt er den polierten Zauberkasten gottlob seitenlang aus den Augen, weil er nämlich auch für eine diffizile Materie wie die Dodekafonie anschauliche Worte und Metaphern zu finden vermag. Solche Freiheit im Verzicht wird dann überreich belohnt durch eine Betrachtung eines bahnbrechenden Klavierstücks wie Olivier Messiaëns Modus der Zeitmaße und der Tonstärken, das die Methode der Reihentechnik in die Totale aller Klangmöglichkeiten hob. Selbst der Laie versteht bei Hildebrandt sofort, worum es geht.