Es war alles ganz anders. Die "sexuelle Revolution" der sechziger Jahre wurde nicht von rebellischen Studenten losgetreten, sondern von Alfred Kinsey und Beate Uhse. Und die antiautoritäre Erziehung, mit der die Jungeltern jener Zeit folgenreich experimentierten, hat nicht etwa die alte Prügel- und Gängelpraxis aus dem Kinderalltag vertrieben, sondern dem sexuellen Missbrauch unserer finsteren Epoche Tür und Tor geöffnet. Die Neue Frauenbewegung schließlich hat rein gar nichts bewirkt - abgesehen von einer entbehrlichen Political Correctness. So lautet - leicht, aber wirklich nur leicht zugespitzt - das Resümee von Mariam Laus Revision dessen, was als "sexuelle Revolution" das Land, die Leute und ihre Moral veränderte.

Das 68er-bashing ist in Mode. Wer immer dereinst zu jung oder zu träge war, um dabei zu sein, fühlt sich aufgefordert, mit einem "Es war alles ganz anders" dazwischenzufahren. Irgendwann wird die Revolte so gründlich in ihre Aspekte zerlegt, jeder einzelne als Feld jammervollen Scheiterns und verstiegener Prätentionen vorgeführt worden sein, dass niemand mehr begreift, woher das Jahr 1968 seine Aura hat. Die Aura aber wird bleiben. Und sie wird ihre Geschichte selbst erzählen. Wenn erst der zeitliche Abstand groß genug ist, werden die Zusammenhänge hervortreten.

Ein bisschen darf man heute schon zurechtrücken. Wenn Mariam Lau darauf verweist, dass die sexuell enthemmten Kleinbürger der sechziger Jahre längst ihre Swinger-Partys feierten, als die verklemmten Jungs von der Kommune I noch bei Ludwig Marcuse und Wilhelm Reich nachschlugen, so ist ihr zu erwidern, dass es darauf nicht ankommt. Es mag ja sein, dass es vor und während der sexuellen Revolution jede Menge glückliche Paare gab, dass Beate Uhse die Leute erfreute und Oswalt Kolle sie animierte. Niemand kann das Maß der tatsächlichen sexuellen Zufriedenheit jener Zeit heute noch ermitteln. Was sich aber sehr gut aus Zeitzeugnissen belegen lässt, ist die Heuchelei, die doppelte Moral, Vermufftheit und Verlogenheit jener Jahre. Mit alldem wollte die Jugend nichts mehr zu tun haben.

Eine Studentin des Jahre 1963 musste ihren Freund im Schrank verstecken oder in die Decke einrollen, wenn die Wirtin an die Tür klopfte - sonst war sie ihr Zimmer los. Dass unverheiratete Paare nicht zusammen in einem Hotel absteigen durften und Küssen im Bus mit Rauswurfdrohungen seitens des Schaffners geahndet wurde, daran sei nebenbei erinnert. Im Übrigen wuchs damals eine ganze Jugend in quälender Angst vor Rückenmarkschwindsucht auf, weil sie es nicht lassen konnte, sich selbst zu befriedigen. Ob der wirkliche Sex wirklicher Paare eher durch die Sex-Gurus jener Zeit oder durch die Studentenrevolte bereichert wurde, ist also erstens nicht entscheidbar und zweitens nicht das Problem. Es ging um etwas anderes: um das, was man heute Diskurs nennt und was damals Öffentlichkeit hieß. Auf dieser reflektierenden Bühne sollte Sexualität so verhandelt werden, dass etwas dabei rauskam, was nach Wahrheit roch. Ob die bekannteren Figuren wie Rainer Langhans und Dieter Kunzelmann selbst ein tolles Sexleben hatten, ist dabei völlig Wurscht.

Tatsache ist, dass eine ganze Jugendgeneration den Ball auffing, den diese Leute in die Luft geworfen hatten, und daraus etwas Eigenes machte: Experimente - mit dem Leben in Gruppen, mit der ausgehängten Klotür, mit der Nacktheit und der Lust. Die galt als Subversion. Die Wohngemeinschaft war eine Erfindung, die damals unerhört schien und bis heute lebendig ist. Der Funkensprung von den Städten aufs Land und überallhin, die Kettenreaktion des Kettenabwerfens - diese herrliche frische Luft der Freiheit, die einer ganzen Alterskohorte zu neuer Lebenslust verhalf, die kommt bei Lau nirgends vor.

Kein Wunder, denn sie belässt es dabei, sich die, wie sie es sieht, verkorksten Kleinbürgersöhnchen der Kommune I vorzuknöpfen und in deren Biografien nach Belegen dafür zu schnüffeln, dass das Kommune-Experiment nach hinten losgehen musste. Dabei schlägt sie einen verächtlichen Ton an. Sie trägt zum Beispiel Rainer Langhans zweimal nach, dass er sein Studium abgebrochen hat - solche unordentlichen Leute konnten nur eine Revolution auslösen, die keine war. Dass die biografische Methode, die Lau von dem Soziologen Heinz Bude (den sie zitiert) übernommen hat, nicht dazu taugt, die Substanz einer "Bewegung" oder "Revolution" zu eruieren und zu beurteilen, sollte klar sein. Es ist unmöglich, den Verlauf der Russischen Revolution aus Lenins Kindheit herzuleiten. Und man erfährt über die sexuelle Revolution null, wenn man weiß, dass Kunzelmanns Vater Sparkassendirektor war.

Mariam Lau hätte sich woanders umtun sollen, um rauszufinden, was die sexuelle Revolution befeuerte, was ihren Kern ausmachte und was sie bewirkte, etwa in der Musikszene. Natürlich hatte die sexuelle Revolution ihre Galionsfiguren. Die hießen weder Uschi Obermeier noch Beate Uhse, sondern Mick Jagger und Elvis Presley. Wer Ohren hatte, zu hören, vernahm die message. Die war keine Erfindung dieser Sänger und hatte mit ihrer Kindheit nichts zu tun, sie lag in der Luft und brauste um die Erde. Jeder interpretierte sie für sich, aber alle wären mit den Versionen: "Let's spend the night together" und "It's now or never" einverstanden gewesen.