Das ist der Augenblick, in dem die Karriere einer Teenie-Band zu Ende ist. Die Mitglieder kündigen dem Management die Gefolgschaft auf; sie glauben, der Welt beweisen zu müssen, was sie "wirklich" können, wenn sie nicht mehr an den Fäden der Fremdbestimmung zappeln. Doch meistens will das niemand wissen. Ganz selten einmal hat eine Teenie-Band Glück. Die Charaktermasken wachsen an - und gerade das macht es möglich, noch einmal mitzuspielen, noch einmal bejubelt zu werden, noch einmal die Charts zu stürmen.

Selbst an den Maßstäben gemessen, nach denen Teenie-Bands zusammengestellt werden, war die Typologie der Spice Girls extrem einfach, fast schon comichaft. Es gab die Draufgängerin, die Sportliche, die Dümmliche, die Arrogante und die Attraktive. Dass die fünf in einem Akt der Selbstermächtigung, bevor sie auch nur eine Platte veröffentlicht hatten, ihr Management entließen und selbst am Spice-Konzept feilten, bestätigt nur die Perfektion des Castings: Es gehörte zu ihrer Rolle, aus der Rolle zu fallen. Girlpower im Sinne der Spice Girls hieß: alles selber machen, ältliche Dreinreder vor die Tür setzen und das Ganze perfekt vermarkten. So wurden sie zur erfolgreichsten Mädchenband der Welt.

Als 35 Millionen verkaufte Platten, eine Welttournee und einen Film später das erste Spice Girl ausstieg, als andere heirateten und Kinder bekamen, sah es schon so aus, als ob auch diese Gruppe den Weg alles Irdischen gehen müsste. Es gab nur noch wenig, was etwa Victoria (ehemals Posh Spice), Ehefrau des Fußballspielers David Beckham und bekennende Bewohnerin einer 28-Zimmer-Villa, mit Mel C (ehemals Sporty Spice) verband, die, anstatt Kinder zu kriegen und zu heiraten, eine Punkrock-Band gründete und Lieder gegen Obdachlosigkeit sang: "I couldn't live without my phone / you don't even have a home."

Genauso wenig hatte die elegante Mel B (Scary Spice) mit der etwas tumben Emma (Baby Spice) zu tun. Vorher hatten die Charaktere sich gegenseitig ergänzt, jetzt bestand man nebeneinanderher und wurde durch nichts weiter zusammengehalten als den Umstand, einmal die Spice Girls gewesen zu sein.

Doch genau das ist das Geheimnis von Forever. Das jüngste Spice-Produkt ist eine Platte wie ein Treffen von Collegefreundinnen. Zum ersten Mal seit dem Ende ihres Studiums tun sie sich wieder zusammen, schwören, sich niemals zu vergessen und immer die besten Freundinnen zu bleiben. Schon das Coverbild sieht aus, als wäre es ein Erinnerungsfoto, geschossen am Rande der großen Party nach dem Klassentreffen. Die verbliebenen vier (Ginger Spice, die Arrogante in der Typologie, macht nicht mehr mit) tragen Abendgarderobe und halten sich an den Händen. Gemeinsam präsentieren sie ihren Wohlstand in Form von teuren Uhren und Perlenketten. So hört sich Forever auch an: demonstrativ erwachsen, gereift, gekonnt, routiniert. Und mitunter etwas langweilig.

Mit ihrem aktuellen Sounddesign wildern die Spice Girls in einem Feld, das eigentlich von ihren Konkurrentinnen besetzt gehalten wird: All Saints. Die vier tauchten fast gleichzeitig mit den Spice Girls auf und wurden sofort als deren Gegenmodell gehandelt: keine zusammengecastete Gruppe, sondern eine echte Band. Und sie machten keinen weißen Kinderzimmer-Pop wie die Spice Girls, die die freche Pose mit der Träumerei verbanden, wie es wohl sein könnte, wenn mit einem Jungen einmal mehr passiert als nur ein Kuss. All Saints hatten Soul und Sex.

Doch als hätten sich die beiden Gruppen abgesprochen, aufeinander zuzugehen, bewegen sich All Saints mit Saints and Sinners weg von ihrem Soulkonzept - und zeigen sich genauso gereift, gekonnt, routiniert. Und mitunter etwas langweilig. Es gibt sie noch, die eng verflochtenen Gesangsarrangements, aber produziert hat die Platte William Orbit, der auch schon Madonna ihren Sound verpasste. Glaubwürdig wirkt es nicht, wenn All Saints aus dem Booklet blicken, als könnten sie kein Wässerchen trüben, und gleichzeitig Stücke wie Ready, Willing and Able singen. Glaubwürdigkeit aber ist gefragt, seit der Geist der Eigentlichkeit wieder durch die Jugendkultur weht. Vom Skandalrapper Eminem bis zur Reality-Soap Big Brother: Alles muss echt sein, wer nicht ehrlich ist, wird rausgewählt.