Die Brücken zwischen dem Privaten und der Öffentlichkeit sind eingestürzt. Jedenfalls aus der Sicht des englischen Soziologen Zygmunt Bauman. Das Elend und Leid der Menschen, so seine Diagnose, findet kein Gehör in den Ohren der Politiker, aber auch untereinander herrschen Neid, Missgunst und Argwohn. Freundschaft und Solidarität haben sich in der kalten Luft des Marktes aufgelöst, der einzelne vegetiert "bis zum Rand gefüllt mit freischwebender Angst und Frustration, die verzweifelt nach einem Ventil suchen. Das Leben ist übersättigt von düsteren Vorstellungen und dunklen Vorahnungen, die um ihrer Unspezifität, ihrer verschwommenen Konturen und versteckten Wurzeln willen nur um so größere Schrecken verbreiten."

Baumans Buch ist eine schwarze Suada über das Ende des Traums von der guten Gesellschaft, ein Abgesang auf die Ideale des Gemeinwohls und sozialer Gerechtigkeit. Voller Pessimismus entwirft er das Szenario eines entfesselten Spätkapitalismus, der die politischen Institutionen entmachtet und das Schicksal in die Hände globaler (sprich: ökonomischer) Prozesse gelegt hat, die über die Köpfe sämtlicher Beteiligter hinwegfegen. Die Anonymität der Bedrohungen, die Schwäche sozialer Institutionen und der Schwund an gemeinsamen Werten haben ein Klima der "Unsicherheit" erzeugt, die wie ein Alb auf den Individuen lastet und die Suche nach Wegen aus der Misere blockiert.

Die Lähmung kollektiver Aktivitäten ist für Bauman das Resultat eines "nagenden existentiellen Mißtrauens", das der Sorge um den Arbeitsplatz, dem Zwang zur Flexibilität, der Auflösung familiärer und nationaler Bindungen entspringt. Den Menschen fehle das Gefühl der Zugehörigkeit, das den Umgang mit Belastungen leichter mache; es mangele ihnen an Gewissheit über ihr eigenes Leben; und ihnen sei die Zuversicht abhanden gekommen, dass sich jemand ihrer Sorgen annehme. Die Konsequenz bestehe in der Flucht ins Private, der Einkerkerung ins Ich, das politische Partizipation und soziale Verantwortung von sich weist, um sich dem Shopping, dem Fitnessstudio und der Psychotherapie hinzugeben.

Kurzum, mit der Verwandlung des "politischen Bürgers zum Marktkonsumenten" sei die "Zeit des Postengagements" angebrochen, in der keine weiterführenden "Visionen" mehr existieren und die "Krise" den "Normalzustand der menschlichen Gesellschaft" bildet. Bauman nimmt den Begriff der Krise wörtlich: als Situation, in der eine Entscheidung gefällt werden muss, die jedoch angesichts der "Unkontrollierbarkeit" der Prozesse "unmöglich" geworden ist. Umso erstaunter ist man, dass der Autor am Ende doch noch drei Lösungsvorschläge parat hat, um den Zerfall der Öffentlichkeit aufzuhalten: das republikanische Modell aktiver Staatsbürgerschaft, die Bereitstellung eines beschäftigungsneutralen Grundeinkommens und die Stärkung autonomer Institutionen, die der Politik auf internationaler Ebene unter die Arme greifen und die Durchsetzung universalistischer Normen befördern.

Leider bleibt völlig unklar, wie diese Rezepturen gegenüber der Diktatur anonymer Mächte wirksam werden sollen, die Bauman unentwegt beschwört. Seine Zeitdiagnose ist nicht nur widersprüchlich, sie sucht vor allem dort nach Schuldigen, wo es keine gibt.

Während Bauman das schicksalhafte Walten diffuser Herrschaftsmechanismen anklagt, liefert der Soziologe Nico Stehr ein differenziertes Bild hochmoderner Gesellschaften, die er durch zwei gegenläufige Tendenzen gekennzeichnet sieht: die "zunehmende Unfähigkeit staatlicher sowie anderer großer gesellschaftlicher Institutionen, (...) zu regieren bzw. ihren Willen durchzusetzen", und zugleich den "Zuwachs an gesellschaftlichem Einfluß und Widerstandsmöglichkeiten kleinerer sozialer Kollektive".

Ursache dieser Entwicklung ist nach Stehr die rasante Ausbreitung von "Wissen", das Individuen und Gruppen die Chance eröffnet, sich an kollektiven Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Die verbesserte Bildung, der Zugriff auf Informationen, die Verfügung über ein Netzwerk an Kontakten und die elektronischen Medien erlauben es jedem, sich eine unabhängige Meinung zu bilden, Kritik zu üben und aktiv in die gesellschaftlichen Zusammenhänge einzugreifen. Der Begriff des Wissens umfasst ein ganzes "Bündel sozialer Kompetenzen", die von beruflicher Kreativität über sprachliche Ausdrucksfähigkeit bis zum Vermögen der vernünftigen Lebensplanung reichen.