Wenn ein Philosoph ein Buch mit dem ebenso ernsten wie verlockenden Titel Wahrheit und Fortschritt herausgibt, dann dürfte nicht nur seine Zunft aufhorchen. In postmodernen Zeiten zumal, in denen man sich angewöhnt hat, die beiden Begriffe bestenfalls ironisch zu gebrauchen - jedenfalls ohne den Ernst, mit dem sie noch die Aufklärung und zuletzt der Marxismus weihevoll im Munde führten. Dass diese Themen nun ausgerechnet von dem amerikanischen Philosophen Richard Rorty traktiert werden, der als Ironiker und postmoderner Kritiker des Wahrheits- und Fortschrittsdenkens gilt, macht die Sache zusätzlich pikant.

Zu einem Diskurs über den "Fortschritt der Menschheit", der durch die Erkenntnis der "Wahrheit" gesichert sei, will Rorty erwartungsgemäß nicht zurück. Doch nach der Lektüre seines neuesten Buches (das Texte aus den 90er Jahren versammelt und dessen deutsche Übersetzung von Joachim Schulte gut lesbar ist und philosophisch kompetent) dürfte nun spätestens klar sein, dass der Autor sehr wohl auch in Sachen Wahrheit und Fortschritt konstruktive philosophische Ziele und vor allem auch über das akademische Interesse hinausweisende politische Absichten verfolgt.

Denn auch wenn Rorty als "Pragmatist" nicht müde wird, selbstironisch zu betonen, wie gering die Bedeutung der Philosophie für das praktische Leben letztlich sei, spürt man bei der Lektüre doch deutlich, dass er sich die jetzt vorgelegte, häufig sehr kleinteilige und hochkomplexe argumentative Arbeit nicht nur aus innerakademischen Gründen macht. Vielmehr geht es ihm dabei - gemäß seiner Devise vom "Vorrang der Politik vor der Philosophie" - ganz offensichtlich darum, an der politischen Herstellung einer bestimmten intellektuellen Kultur mitzuwirken: einer geistigen Welt, in der jede Art von Fanatismus, von religiösem und quasi-religiösem Eifer sowie alle Formen von kulturellem Chauvinismus und intellektueller Selbstgefälligkeit keine Chance mehr hätten.

Da aber zu diesen antiliberalen Tendenzen in Rortys Sicht wesentlich auch bestimmte "metaphysische" Auffassungen von Wahrheit und Fortschritt beitragen, macht er sich in seinem neuesten Buch daran, diese in ihren vielfältigen Facetten zu kritisieren. Hinsichtlich des ersten Themas dient ihm dazu vor allem eine zentrale These: Es gibt kein "Wesen der Wahrheit", auch wenn ein solches in der Philosophie und im Alltag immer wieder gesucht und angeblich entdeckt wird. Zurückgewiesen wird die Vorstellung, man könne all das, was zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Kulturen als "Wahrheit" gilt, auf einen Wesenskern zurückführen.

Hier hat Rorty weiterhin seine beiden Hauptgegner, die "Korrespondenztheorie der Wahrheit" und den philosophischen "Realismus" im Auge, denen zufolge das Wesen der Wahrheit in einer Form von Übereinstimmung mit der außersprachlichen Realität besteht. Diese philosophische Grundannahme, die Rorty bei angelsächsischen Philosophen, wie H. Putnam, Th. Nagel, Ch. Taylor, C. Wright und vielen anderen feststellt, ist ihm nicht nur zu einseitig gegenüber der Vielfalt möglicher Wahrheitsbegriffe. Sie beruht auch auf dem höchst problematischen Glauben an ein inneres Wesen der Dinge, oder jedenfalls auf der Überzeugung, dass es eine Art und Weise gibt, wie die Gegenstände der Welt an sich und in Wirklichkeit beschaffen sind, sodass man sie mit "wahren" Sätzen oder Theorien (zunehmend besser) erfassen könnte.

Dagegen hält Rorty erneut, aber nun sehr viel differenzierter, die von ihm schon seit längerem vertretene These, dass es keine Beschreibungen und Darstellungen gibt, die im Gegensatz zu allen anderen auf die Wirklichkeit und ihr inneres Wesen "passen" und sich deshalb als "wahr" erweisen würden. Sprache und Wirklichkeit seien aber, so versuchen die Texte immer wieder plausibel zu machen, viel zu eng ineinander verwoben, um die "reine Wirklichkeit" aus unserer Rede herausdestillieren zu können. Das wäre für den Sprachphilosophen im Übrigen ohnehin ein müßiges Unterfangen, geht er doch davon aus, dass das, "was einem erscheint, abhängig davon sei, wie man zu reden gewohnt ist".

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