Fritz Stern: Ich würde sagen, es ist keine Verfassungskrise. Ein ganz großes Vertrauen in die Verfassung hält das Land zusammen. Ich glaube, dass die jetzige Krise den Leuten eher wie technisches Versagen mit etwas Schlamperei vorkommt, dass man das nicht so heiß nimmt. Es ist wahrscheinlich, was die Verfassung anlangt, weniger eine Belastung, als die Watergate-Affäre, weniger eine Belastung sogar, als der Versuch, Präsident Clinton seines Amtes zu entheben.

Zeit: Wie stark ist Amerikas Selbstbewußtsein durch das Wahlfiasko erschüttert?

Stern: Das ist schwer zu beurteilen. Ich glaube, im Augenblick ist die Bevölkerung noch relativ gelassen. Wenn sich die gegenwärtige Situation lange hinzieht und noch weiter aufgeheizt wird von den beiden politischen Camps und von deren Rechtsberatern, wenn die Justiz einbezogen wird, sogar - Gott behüte - der Supreme Court, das würde dem demokratischen Gefühl widersprechen.

Zeit: Es könnte sein, dass der nächste Präsident zwar die Mehrheit im Wahlmännerkollegium hat, aber nicht die Mehrheit der Volksstimmen. Könnte das seine Legitimität untergraben?

Stern: Das könnte seine Legitimität etwas schwächen. Aber in dem Moment, in dem der Präsident seinen Eid schwört, wird er als Präsident akzeptiert.

Zeit: Zeigt sich im Wahlmännerkollegium, einem Überbleibsel des aristokratischen Denkens der amerikanischen Verfassungsväter...

Stern: Es ist nicht mal so aristokratisch, glaube ich. Es hat mehr mit unserer Art von Föderalismus zu tun...