Ho Chi Minh Stadt

Man wird diesem Bericht erst Glauben schenken, wenn Bill Clinton hier ist und Vietnam ins Finale des Tiger-Cups einzieht: Als erster amerikanischer Präsident wird Clinton von Donnerstag dieser Woche bis Montag das vereinigte Vietnam besuchen; und noch am Donnerstagabend könnte die vietnamesische Fußballnationalmannschaft mit einem Halbfinalsieg über Indonesien bei der Südostasienmeisterschaft (Tiger-Cup) einen ihrer größten Erfolge feiern. Dann wäre das vietnamesische Volk nicht mehr zu halten, und Clinton bliebe nur die Abwandlung des legendären Satzes von John F. Kennedy: "Ich bin ein vietnamesischer Fußballfan."

Clintons Timing ist unerhört. Denn noch nie seit den Tagen der chinesischen Studentenrevolte sind in einem kommunistischen Land Asiens so viele Menschen in spontaner Aktion auf die Straße gegangen wie am vergangenen Samstag zwischen Hanoi und Ho Chi Minh City. Das war ein Volksfest der Jugend und zugleich wie eine Probe für den Volksaufstand. Allein in Ho Chi Minh City, das man weiter Saigon nennen darf, kümmerten sich Hunderttausende nicht um die Anweisungen der Polizei. In kilometerlangen Motorradkolonnen besetzte das Volk die breiten französischen Boulevards. Bis in die Vorstadt stauten sich die Menschenmengen: Vietnam hatte soeben mit einem 1 : 0 über Singapur das Halbfinale erreicht.

Nguyen Dung steuert seine Vespa durch Seitengassen. Eben ist vor ihm ein Motorrad auf den Asphalt geklatscht. Regungslos bleibt der Fahrer auf der Straße liegen. Aus einer Wunde am Kopf fließt Blut. Doch Dung hat es eilig. Er schimpft über die zu große Zahl von Motorrädern in Saigon: 1,9 Millionen. An diesem Abend sind scheinbar alle unterwegs. Populärstes Modell: Honda Dream, 100 Kubikmeter Hubraum und 100 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit. Man sitzt und steht darauf zu zweit, dritt oder viert, und der hinten hockt, schwenkt die Nationalfahne.

"Die vietnamesische Jugend ist heute glücklich", ruft ein Junge vom Motorrad. Man beachte das Subjekt. Diese vietnamesische Jugend hat in einem von alten Kriegshelden regierten Land bisher nichts zu sagen. Gleichwohl ist die große Mehrheit der knapp 80 Millionen zählenden Bevölkerung unter 30 Jahre alt. Und sie feiert den Fußball, weil er ihr wichtiger ist als Kriegsstolz und Partei. Traue keinem über 30!, sagten schon die Vietnamkriegsgegner.

Dung ist 38 und macht sich Sorgen. "Wenn Vietnam am Donnerstag verliert, schmeißen mir die Leute die Fensterscheiben ein." Tagsüber ist er Tischler. Abends jobbt er als Barkeeper im Moonfish Café an der alten Straße der Freiheit. Sie wird von den Kommunisten seit ihrem Sieg vor 25 Jahren Straße des Aufstands genannt.

Von Dungs Tresen aus lässt sich das Geschehen bis in die tiefe Nacht beobachten: Auf dem Motorrad hält die Jugend den Rücken gerade und das Gesicht gegen den Wind. Mädchen mit Rastazöpfen schmiegen sich auf dem Rücksitz an die nackten Oberkörper glatzköpfiger Jungs. Je länger der Abend, desto schneller die Fahrt. Von Mitternacht an werden regelrechte Rennen gefahren - gegen die Fahrtrichtung, ohne dass die Polizei eingreift. Das gleiche Bild auf der Jugendallee vor dem Präsidentenpalast in Hanoi. Die junge Masse lässt sich nicht mehr in Nord- und Südvietnamesen aufteilen. Wer weiß, wie weit sie sich überhaupt noch beherrschen lässt.