Hätte James Wilson sich durchgesetzt, wäre den Vereinigten Staaten das gegenwärtige Chaos um die Präsidentenkür erspart geblieben. Der gebürtige Schotte und exzellente Rhetoriker hatte auf dem Verfassungskonvent in Philadelphia für die Direktwahl des Präsidenten plädiert. Misstrauen gegen das Volk und Furcht vor zentralistischen Anwandlungen blockierten jedoch den Vorstoß. Die Verfassungsväter entschieden sich 1787 in ihrer Mehrheit für ein System, das die Präsidentenwahl mit Unwägbarkeiten belastet. Bis heute, denn die amerikanischen Wählerinnen und Wähler haben ihre gegenwärtige Geduldsprobe noch nicht durchgestanden.

Selbst wenn das Wahlvolk gegen Ende der Woche ein einigermaßen verlässliches Ergebnis der Wahlen in Florida präsentiert bekommen sollte, kann es sich seines nächsten Präsidenten noch nicht sicher sein. Nur ein offizielles, unwiderrufliches Eingeständnis der Niederlage vonseiten eines der beiden Kandidaten brächte dann Klarheit. Ohne eine solche Kapitulation aber bliebe die Ungewissheit bestehen. Mindestens bis zum ersten Montag nach dem zweiten Mittwoch im Dezember (in diesem Fall dem 18.), an dem das Electoral College seine Entscheidung trifft.

Das lange unbeachtete Gremium dürfte inzwischen zur umstrittensten Institution in den Vereinigten Staaten geworden sein - zumindest bei der Hälfte der Wählerschaft, die demokratisch gestimmt hat. Ihre Verbitterung wäre verständlich, denn ohne die Existenz der Wahlkollegs stünde der Sieger der Präsidentschaftswahlen längst fest - Al Gore, der die Mehrheit der Stimmen der Urwähler auf sich vereinigte. So aber werden die 538 Männer und Frauen (ihre Zahl entspricht der Summe der Mitglieder, die die einzelnen Bundesstaaten in den US-Kongress entsenden, plus drei Vertreter der Hauptstadt Washington, D. C.) des Kollegs das letzte Wort haben.

Aller Voraussicht nach jedenfalls, denn es hat auch schon Fälle gegeben, in denen das Electoral College keine Entscheidung treffen konnte. So musste - verfassungsgemäß - das Repräsentantenhaus 1800 den Präsidenten (Thomas Jefferson) wählen, weil im Wahlkolleg ein Patt zwischen ihm und seinem Konkurrenten Aaron Burr entstanden war. John Quincy Adams wurde 1825 von der zweiten Kammer zum Präsidenten gewählt, weil weder er noch seine drei Konkurrenten die absolute Mehrheit im Kolleg errungen hatten.

Trotz dieser Ausnahmen steht die Macht der Wahlmänner und -frauen außer Frage - und in keinem Verhältnis zum Grad ihrer Bekanntheit. Dabei sind letztlich sie es, die den Präsidenten der Vereinigten Staaten wählen. Aber wer kennt sie schon, diese Stellvertreter der Wählerschaft, die ihre jeweiligen Parteiorganisationen für die verantwortungsvolle Aufgabe bestimmt haben? Nur in einigen Staaten tauchen sie aus der Anonymität auf, weil ihre Namen auf den Stimmzetteln erscheinen. Darüber hinaus lässt sich von ihnen nur vermuten, dass sie treue, verlässliche Parteisoldaten der Demokraten oder Republikaner sind. Schließlich sollen sie ihrem jeweiligen Präsidentschaftskandidaten den Sieg garantieren.

Die Verfassungsväter misstrauten dem gemeinen Volk

Mit 270 Stimmen im Kolleg (mehr als der Hälfte der 538 Mitglieder) hätten sie das geschafft. Bis zum Redaktionsschluss aber konnte weder Al Gore noch George Bush sich auf diese magische Zahl berufen. Damit werden sie womöglich bis zum 18. Dezember warten müssen, denn es gibt auch treulose Wahlmänner und -frauen. Rund ein Dutzend Mal haben einzelne Mitglieder des Kollegs nicht für ihren Präsidentschaftskandidaten gestimmt (allerdings ohne entscheidende Wirkung auf den Ausgang der Wahl). Und das, obwohl sie in 24 Bundesstaaten per Eid oder Gesetz dazu verpflichtet werden. Aber da die Treulosigkeit in keinem Fall bestraft wurde, kann nur die Bloßstellung in der Öffentlichkeit schrecken.